/ Oktober 7, 2026/ Buch

Antisemitismus wird häufig zunächst als feindseliges oder abwertendes Bild von Jüdinnen und Juden beschrieben. Genau an diesem Punkt setzt „Die Figur des Dritten: Zur Soziologie des Antisemitismus“ von Klaus Holz und Jan Weyand an und geht einen entscheidenden Schritt weiter. Die Autoren zeigen, dass Antisemitismus nicht allein über negative Zuschreibungen gegenüber einer bestimmten Gruppe verstanden werden kann. Vielmehr entsteht das antisemitische Judenbild im Zusammenhang mit einem kollektiven Selbstverständnis und erfüllt innerhalb dieses Weltbildes eine spezifische gesellschaftliche Funktion.

Damit beschäftigt sich das Buch mit einer Frage, die weit über die Beschreibung einzelner antisemitischer Vorurteile hinausgeht: Wie entstehen solche Vorstellungen, warum können sie sich gesellschaftlich verfestigen und welche Bedeutung haben sie für das jeweilige Selbstbild einer Gemeinschaft?

Im Mittelpunkt steht die sogenannte „Figur des Dritten“. Dieser Begriff bildet den theoretischen Schlüssel des Buches. Während rassistische Vorstellungen häufig zwischen einem vermeintlich „Eigenen“ und einem als „Fremden“ konstruierten Gegenüber unterscheiden, nimmt der Antisemitismus nach Holz und Weyand eine besondere Position ein. Der imaginierte „Jude“ wird nicht einfach als Angehöriger einer anderen, vermeintlich minderwertigen Gruppe dargestellt. Stattdessen wird ihm eine Rolle zugeschrieben, die ihn außerhalb beziehungsweise zwischen bestehenden gesellschaftlichen Gegensätzen positioniert.

Gerade diese Besonderheit macht den Ansatz der Autoren wissenschaftlich interessant. Das antisemitische Feindbild richtet sich demnach nicht nur gegen eine vermeintlich fremde Gruppe, sondern konstruiert einen Dritten, dem Eigenschaften zugeschrieben werden, die als Bedrohung für die eigene gesellschaftliche Ordnung erscheinen. Der „Jude“ wird dabei zum Gegenbild einer idealisierten Gemeinschaft und mit Vorstellungen von Zersetzung, Einfluss, Kontrolle oder mangelnder Zugehörigkeit verbunden.

Das Buch betrachtet Antisemitismus deshalb nicht als bloße Ansammlung einzelner Vorurteile. Es untersucht vielmehr die gesellschaftlichen Strukturen und Mechanismen, durch die antisemitische Deutungsmuster entstehen und funktionieren. Besonders deutlich wird dabei, wie eng Fremdbilder und Selbstbilder miteinander verbunden sind. Wer eine bestimmte Vorstellung davon entwickelt, was eine Gemeinschaft ausmacht, kann gleichzeitig ein Gegenbild erzeugen, das scheinbar außerhalb dieser Ordnung steht.

Für die soziologische Betrachtung ist dieser Perspektivwechsel ausgesprochen relevant. Er ermöglicht es, Antisemitismus nicht ausschließlich auf individueller Ebene zu betrachten, sondern als gesellschaftliches Phänomen zu analysieren. Holz und Weyand verbinden dabei historische, gesellschaftstheoretische und soziologische Überlegungen und schaffen einen Zugang, der verschiedene Erscheinungsformen antisemitischer Zuschreibungen miteinander in Beziehung setzt.

Besonders wichtig ist die Frage nach der Abgrenzung zwischen Antisemitismus und Kritik an israelischer Politik. Auch hier liefert das Konzept der Figur des Dritten einen theoretischen Ansatz. Nicht jede kritische Auseinandersetzung mit Entscheidungen oder politischen Maßnahmen des Staates Israel ist automatisch antisemitisch. Entscheidend ist vielmehr, welche Zuschreibungen vorgenommen werden, welche Argumentationsmuster dahinterstehen und ob sich darin antisemitische Vorstellungen reproduzieren. Das Buch bietet damit eine Grundlage, um diese häufig kontrovers geführte Diskussion differenzierter zu betrachten.

Darüber hinaus öffnen die Autoren den Blick auf größere gesellschaftstheoretische Fragestellungen. Behandelt werden unter anderem die Zusammenhänge zwischen Rassismus und Antisemitismus, Gemeinschaft und Gesellschaft, Kommunikationslatenz sowie postnazistischem Nationalismus. Dadurch bleibt die Untersuchung nicht bei der Beschreibung antisemitischer Vorurteile stehen, sondern ordnet das Thema in umfassendere gesellschaftliche Entwicklungen ein.

„Die Figur des Dritten“ ist daher kein leicht zugängliches Sachbuch für eine schnelle Einführung in das Thema. Es handelt sich vielmehr um eine anspruchsvolle wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Soziologie des Antisemitismus. Die Argumentation verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, theoretische Zusammenhänge nachzuvollziehen. Wer sich jedoch intensiver mit Antisemitismus, gesellschaftlichen Feindbildern, kollektiven Identitäten und den Mechanismen sozialer Ausgrenzung beschäftigen möchte, erhält hier einen differenzierten und analytisch fundierten Zugang.

Besonders überzeugend ist der Versuch, Antisemitismus nicht isoliert, sondern aus der Beziehung zwischen kollektivem Selbstbild und konstruiertem Gegenbild heraus zu erklären. Genau darin liegt die Stärke dieses Buches. Es erweitert die Perspektive auf ein gesellschaftlich und politisch hochrelevantes Thema und zeigt, dass antisemitische Denkweisen nicht allein durch ihre offensichtliche Abwertung erkennbar werden, sondern auch durch die Funktion, die ein konstruiertes Feindbild innerhalb eines gesellschaftlichen Weltbildes übernimmt.

Für Leserinnen und Leser aus den Bereichen Soziologie, Politikwissenschaft, Geschichte und Gesellschaftswissenschaften sowie für alle, die sich wissenschaftlich mit Antisemitismus und seinen gesellschaftlichen Ursachen auseinandersetzen möchten, ist „Die Figur des Dritten“ deshalb eine relevante und anspruchsvolle Lektüre. Klaus Holz und Jan Weyand leisten mit ihrem theoretischen Ansatz einen wichtigen Beitrag dazu, Antisemitismus differenziert zu analysieren und seine gesellschaftliche Dynamik besser zu verstehen.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Hamburger Edition
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 11. Mai 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 2.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 264 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3987220058
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3987220050
  • Abmessungen ‏ : ‎ 14.3 x 2 x 21.2 cm

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*
*