/ Mai 21, 2026/ Buch

„Ausflippen. Anleitung für einen Ausnahmezustand Wechseljahre“ von Nina Grygoriew ist so ein Buch, das sich anfühlt wie ein ehrliches Gespräch mit einer Freundin, die endlich mal ausspricht, was viele denken, aber selten so offen sagen. Keine glattpolierte Selbstoptimierungs-Bibel, kein „Du musst die Wechseljahre nur als Chance sehen“-Motivationsgerede, sondern eher ein ziemlich authentischer Blick auf eine Lebensphase, die oft entweder tabuisiert oder komplett verklärt wird.

Schon der Titel macht klar, wohin die Reise geht: Hier wird nichts beschönigt. Stattdessen geht es um Chaos, Kontrollverlust, Unsicherheit und dieses merkwürdige Gefühl, dass plötzlich alles gleichzeitig kippt – Körper, Beziehungen, Stimmung, Selbstbild, Karrierefragen. Grygoriew beschreibt die Lebensmitte nicht als magischen Neustart mit Yogaretreat und Selbstfindungsreise, sondern erstmal als ziemlichen Ausnahmezustand. Und genau das macht das Buch so angenehm ehrlich.

Besonders stark ist dabei der Ton. Das Buch ist witzig, manchmal bissig, oft selbstironisch und gleichzeitig überraschend verletzlich. Grygoriew schreibt nicht von oben herab wie irgendein Life-Coach, der den perfekten Plan fürs Glück verkauft. Stattdessen erzählt sie von eigenen Zweifeln, Überforderung und diesen Momenten, in denen einfach gar nichts mehr „instagramable“ wirkt. Das macht viele Passagen ziemlich relatable – selbst für Leute, die vielleicht noch gar nicht mitten in den Wechseljahren stecken.

Was beim Lesen schnell auffällt: Das Buch ist weniger ein klassischer Ratgeber und mehr eine Mischung aus persönlichem Essay, Erfahrungsbericht und gesellschaftlicher Beobachtung. Klar gibt es Gedanken zu Hormonen, Veränderung und Selbstbild, aber eben ohne starre Lösungen oder endlose To-do-Listen. Eigentlich sagt das Buch eher: Vielleicht muss man gar nicht sofort alles optimieren und neu erfinden. Vielleicht darf man auch erstmal durcheinander sein.

Gerade das unterscheidet „Ausflippen“ von vielen anderen Büchern zu dem Thema. Statt ständig zu predigen, wie stark, gelassen und empowered Frauen in der Lebensmitte bitte sein sollen, zeigt Grygoriew auch die weniger schönen Seiten: Gereiztheit, Traurigkeit, Angst vorm Älterwerden, Beziehungsstress oder das Gefühl, sich selbst plötzlich fremd zu sein. Das wirkt nie jammernd, sondern eher brutal ehrlich.

Der Humor rettet dabei viele schwere Themen. Manche Situationen sind so beschrieben, dass man gleichzeitig lachen und denken muss: „Okay, ja, genau so fühlt sich das manchmal an.“ Gerade diese Mischung aus Selbstironie und Offenheit macht das Buch ziemlich nahbar. Es liest sich locker weg, obwohl eigentlich viele ernste Themen drinstecken.

Interessant ist auch, wie stark gesellschaftliche Erwartungen mitschwingen. Dieses ständige Gefühl, Frauen müssten sich immer perfekt im Griff haben, attraktiv bleiben, funktionieren und dabei möglichst entspannt wirken, wird immer wieder kritisch beleuchtet. Das Buch hinterfragt ziemlich clever diesen Druck zur Selbstoptimierung, der gerade rund um die Lebensmitte oft extrem wird.

Natürlich muss man den Stil mögen. Wer einen streng strukturierten medizinischen Wechseljahre-Ratgeber mit wissenschaftlichen Fakten und konkreten Handlungstipps sucht, wird hier wahrscheinlich nicht komplett glücklich. Das Buch lebt viel stärker von Persönlichkeit, Beobachtungen und emotionaler Ehrlichkeit als von klassischen „Ratgeberlösungen“. Teilweise springt es auch etwas zwischen Themen und Gedanken hin und her – fast so, als würde man jemandem beim echten Nachdenken zuhören. Aber genau das macht den Charme aus.

Besonders gelungen ist, dass das Buch trotz aller Krisenstimmung nie komplett hoffnungslos wirkt. Zwischen Chaos, Wut und Unsicherheit taucht immer wieder die Idee auf, dass in diesem Ausnahmezustand eben auch Freiheit stecken kann. Nicht im Sinne von „alles wird plötzlich perfekt“, sondern eher als Möglichkeit, ehrlicher mit sich selbst zu werden und alte Erwartungen loszulassen.

Am Ende fühlt sich „Ausflippen“ weniger wie ein klassischer Ratgeber an und mehr wie eine ehrliche Bestandsaufnahme einer Lebensphase, über die oft entweder peinlich geschwiegen oder viel zu glatt gesprochen wird. Witzig, chaotisch, manchmal unbequem – aber gerade deshalb ziemlich lesenswert.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Kneipp Verlag in Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 20. April 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 208 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3708808886
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3708808888
  • Abmessungen ‏ : ‎ 16.9 x 1.8 x 23.6 cm

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*
*