/ Oktober 10, 2026/ Buch

Manchmal kommt das Leben genau dann zum Stillstand, wenn draußen scheinbar alles weitergeht wie immer. Die Sonne scheint, die Menschen genießen den Sommer, Kinder planschen im Freibad und irgendwo riecht es nach warmem Asphalt und unbeschwerten Ferientagen. Doch während andere das Leben feiern, sitzt Nele Kastner am Sterbebett ihres Vaters und wartet auf den Abschied. Dieser Gegensatz macht „Das Herz, ein Wolf“ von Nina Sonnenberg schon vom Ausgangspunkt her zu einem Roman, der neugierig macht. Es geht um den Tod, um Erinnerungen und um all die Dinge, die zwischen Menschen unausgesprochen bleiben. Aber eben nicht nur um Traurigkeit, sondern auch um Humor, Eigenheiten und die manchmal herrlich schrägen Seiten einer Familie.

Nele befindet sich in einer Situation, die wohl niemand einfach so wegsteckt. Ihr Vater kann nicht mehr sprechen, und ausgerechnet jetzt, wo ein gemeinsames Gespräch besonders wichtig wäre, bleibt diese Möglichkeit verschlossen. Was bleibt, sind ihre Erinnerungen und die Geschichte, die sie für beide noch einmal erzählt. Dabei blickt sie zurück auf ihre Kindheit und Jugend im kleinbürgerlichen Vorstadtmilieu der 1980er- und 1990er-Jahre. Es geht um familiäre Rituale, persönliche Eigenheiten, erste Erfahrungen und die kleinen wie großen Erlebnisse, die einen Menschen prägen. Und plötzlich wird aus dem Warten am Sterbebett eine Reise in die Vergangenheit.

Besonders reizvoll finde ich diesen Gedanken, dass wir am Ende vielleicht noch einmal all das betrachten, was uns zu dem Menschen gemacht hat, der wir heute sind. Manche Erinnerungen zaubern ein Lächeln ins Gesicht, andere tun weh, und wieder andere erscheinen erst mit zeitlichem Abstand in einem ganz neuen Licht. Gerade innerhalb einer Familie ist schließlich nicht immer alles so einfach, wie es nach außen aussieht. Da gibt es Erwartungen, unausgesprochene Regeln, kleine Verletzungen und Gewohnheiten, über die niemand mehr nachdenkt, weil sie schon immer da waren. Gleichzeitig entstehen genau daraus Geschichten, die manchmal absurd, manchmal berührend und oft überraschend komisch sind.

Nina Sonnenberg, die vielen als Musikerin und Moderatorin unter ihrem Künstlernamen FIVA bekannt ist, verbindet in ihrem Debütroman offenbar genau diese unterschiedlichen Seiten des Lebens. Schon die beschriebenen Themen wie Psychofasten, Bröselneurosen und Kastenläufe lassen erahnen, dass hier keine gewöhnliche, glatt erzählte Familiengeschichte wartet. Stattdessen begegnet dem Leser ein Blick auf das Leben, der auch vor seinen skurrilen und unbequemen Momenten nicht zurückschreckt. Das gefällt mir an dieser Ausgangsidee besonders: Selbst in einer Situation, die von Abschied und Endlichkeit geprägt ist, darf gelacht werden. Schließlich sind es oft gerade die komischen Erinnerungen, die uns Menschen besonders nahebringen.

Der Titel „Das Herz, ein Wolf“ klingt dabei kraftvoll und geheimnisvoll. Er weckt die Neugier auf das, was sich hinter der Geschichte verbirgt, und passt zu einem Roman, der sich mit den widersprüchlichen Seiten menschlicher Beziehungen beschäftigt. Liebe, Enttäuschung, Nähe, Distanz und die Frage, was uns klein hält oder wachsen lässt, können innerhalb einer Familie eng miteinander verwoben sein. Nicht jede Beziehung lässt sich am Ende in wenigen Worten erklären, und nicht jedes offene Gespräch findet rechtzeitig statt.

Mein Fazit: „Das Herz, ein Wolf“ ist ein vielversprechender Debütroman über das Abschiednehmen, das Erinnern und die komplizierte, manchmal wunderbar komische Welt der Familie. Die Verbindung aus Sterbebett-Situation, Rückblick auf die Kindheit und humorvollen Beobachtungen verspricht eine Geschichte, die nicht ausschließlich traurig sein möchte, sondern auch die Absurditäten des Alltags sichtbar macht. Besonders interessant ist der Ansatz, eine gemeinsame Vergangenheit durch das Erzählen noch einmal lebendig werden zu lassen. Ein Roman für Leser, die sich für Familiengeschichten, persönliche Erinnerungen und die leisen wie lauten Zwischentöne des Lebens begeistern können – und die wissen, dass selbst dort, wo der Abschied naht, noch Platz für Humor und Menschlichkeit bleibt.

  • Herausgeber ‏ : ‎ btb Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 30. September 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3442763576
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3442763573
  • Abmessungen ‏ : ‎ 14.3 x 2.6 x 22 cm

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