
Dunkelholz ist ein Roman, der leise beginnt und einen dann ganz langsam, aber unaufhaltsam packt. Eine Geschichte, die unter die Haut geht, weil sie so nah am echten Leben erzählt ist – ehrlich, warm und ohne große Show, dafür mit umso mehr Gefühl.
Im Mittelpunkt steht Lydia, eine Mutter, die an einem Punkt angekommen ist, an dem einfach nichts mehr geht. Ihre Beziehung zu ihrer einzigen Tochter Clara ist brüchig geworden, fast abgerissen. Clara gleitet ab, entfernt sich, und Lydia bleibt mit all den Fragen zurück, die Eltern kennen, aber selten laut aussprechen: Wo habe ich versagt? Was hätte ich anders machen müssen? Und vor allem: Wie weit kann, wie weit darf Liebe eigentlich gehen?
Um wieder Luft zu bekommen, zieht sich Lydia in eine abgelegene Hütte im Wald zurück. Kein Luxus, kein Komfort, kein Lärm. Nur sie, die Natur und das Nötigste zum Überleben. Und genau das ist der Punkt: In dieser Reduktion beginnt sie langsam, sich selbst wieder zu spüren. Sie sammelt Pilze, hackt Holz, lernt, sich zu versorgen. Der Wald wird nicht romantisiert, sondern als ehrlicher Gegenpol zum Chaos ihres Innenlebens gezeigt – rau, still, manchmal fordernd, aber immer echt.
Gedanken an Clara lassen Lydia trotzdem nicht los. Im Gegenteil: Je stiller es um sie herum wird, desto lauter werden die Erinnerungen, die Sorgen, die Schuldgefühle. Auch Markus, ihr Partner, den sie zurückgelassen hat, schwebt wie ein unausgesprochenes Kapitel über allem. Kleine Begegnungen, etwa mit dem Nachbarn, bringen kurze Momente von Nähe und Normalität zurück – bis eine unerwartete Nachricht alles verändert.
Ab diesem Punkt entwickelt sich Dunkelholz zu einer Geschichte über innere Stärke. Lydia muss sich einem Kampf stellen, den sie längst verloren geglaubt hat. Und genau hier zeigt der Roman seine große Kraft: Er erzählt nicht von Heldentum, sondern von Durchhalten. Von Zweifeln, Rückschlägen und dem Mut, trotzdem weiterzugehen. Lydia entdeckt Fähigkeiten und Kräfte in sich, von denen sie selbst nicht wusste, dass sie existieren.
Besonders berührend ist die Art, wie die Beziehung zwischen Mutter und Tochter dargestellt wird. Ohne Klischees, ohne Schuldzuweisungen. Stattdessen mit viel Verständnis für beide Seiten. Der Roman stellt keine einfachen Antworten bereit, sondern stellt die große, schmerzhafte Frage: Ist bedingungslose Liebe wirklich grenzenlos – oder gibt es einen Punkt, an dem Loslassen ebenfalls ein Akt der Liebe ist?
Die Sprache von Natalja Althauser ist ruhig, bildhaft und trotzdem nahbar. Sie schreibt so, dass man das Knacken der Äste hört, die Kälte des Waldes spürt und gleichzeitig mitten in Lydias Gedankenwelt steckt. Dabei bleibt alles angenehm bodenständig und menschlich. Keine großen Gesten, sondern viele kleine, echte Momente, die lange nachhallen.
Dunkelholz ist ein Roman über Familie, über das Scheitern und Weitermachen, über die heilsame Kraft der Natur und über die erste und vielleicht stärkste Liebe überhaupt: die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Ein Buch, das traurig und tröstlich zugleich ist – und das zeigt, dass selbst im dunkelsten Holz irgendwo ein Weg zurück ins Licht beginnt.
- Herausgeber : Piper
- Erscheinungstermin : 1. August 2025
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 208 Seiten
- ISBN-10 : 3492074014
- ISBN-13 : 978-3492074018
- Abmessungen : 12.8 x 2.6 x 21 cm
- 22 Euro
