
Bei Büchern rund um Trauma, Angst, Stress und Selbstregulation ist es für mich ein großer Unterschied, ob ein Thema lediglich theoretisch erklärt wird oder ob man tatsächlich konkrete Möglichkeiten an die Hand bekommt, mit denen man im Alltag arbeiten kann. Genau hier setzt „Ein Übungsbuch voller Ressourcen“ von Anja Ritschel an. Das Buch möchte nicht bei der Theorie stehen bleiben, sondern zeigt ganz praktisch, wie Ressourcen bewusst wahrgenommen, aufgebaut und eingesetzt werden können.
Der Grundgedanke des Buches ist dabei ausgesprochen nachvollziehbar: Ressourcen können Kraftquellen sein, die Halt geben und dabei unterstützen, mit belastenden Situationen besser umzugehen. Gerade im Zusammenhang mit Traumaverarbeitung spielt die Fähigkeit zur Selbstregulation eine wichtige Rolle. Wer sich mit diesem Thema beschäftigt, kennt möglicherweise das Gefühl, dass der Kopf zwar weiß, was eigentlich helfen könnte, der eigene Körper in einer belastenden Situation aber trotzdem völlig anders reagiert.
Genau an diesem Punkt finde ich den praktischen Ansatz des Buches interessant.
Anja Ritschel erklärt zunächst verständlich, was bei Angst und Panik im Körper passiert und welche Vorgänge im Gehirn dabei eine Rolle spielen. Diese Grundlagen sind wichtig, weil körperliche Reaktionen häufig verunsichern können. Herzklopfen, Anspannung, Unruhe oder das Gefühl, plötzlich nicht mehr richtig handlungsfähig zu sein, können sehr intensiv erlebt werden. Wenn man besser versteht, was hinter solchen Reaktionen steckt, kann das dabei helfen, die eigenen Erfahrungen einzuordnen.
Der Schwerpunkt liegt allerdings nicht auf einer ausführlichen theoretischen Abhandlung. Das Buch möchte vor allem ins praktische Tun führen. Und genau das empfinde ich als eine der größten Stärken.
Die Übungen sind darauf ausgerichtet, persönliche Ressourcen zu entdecken und gezielt einzusetzen. Dabei geht es nicht um eine universelle Methode nach dem Motto „eine Übung funktioniert für jeden“. Vielmehr wird deutlich, dass Menschen unterschiedliche Kraftquellen haben und deshalb auch unterschiedliche Zugänge zur Selbstregulation benötigen.
Das finde ich einen wichtigen Gedanken. Was einer Person Sicherheit vermittelt, kann für eine andere völlig bedeutungslos sein. Ressourcenarbeit bedeutet deshalb auch, genauer hinzuschauen: Was gibt mir Halt? Was hilft mir, mich zu orientieren? Was vermittelt mir ein Gefühl von Sicherheit? Welche körperlichen oder mentalen Strategien kann ich in schwierigen Momenten nutzen?
Besonders praktisch ist die übersichtliche Zusammenstellung zahlreicher Ressourcenübungen. Dadurch lässt sich das Buch nicht nur linear von vorne nach hinten lesen, sondern auch als eine Art Arbeits- und Nachschlagebuch verwenden. Die Spiralbindung passt hervorragend zu diesem Konzept. Das Buch kann beim Üben offen neben einem liegen, ohne dass man ständig mit einer Hand die Seiten festhalten muss.
Auch die unterstützenden Bilder empfinde ich als sinnvoll. Gerade bei Übungen, die nicht nur auf gedanklicher Ebene stattfinden, können visuelle Anleitungen den Zugang erleichtern. Das macht das Buch insgesamt niedrigschwelliger und alltagstauglicher.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die von der Autorin entwickelte NEPA-Methode. Sie wird ausführlich erläutert und in den Zusammenhang der Ressourcenarbeit gestellt. Für Leserinnen und Leser, die sich intensiver mit dem Ansatz beschäftigen möchten, bietet das eine zusätzliche Orientierung.
Interessant finde ich außerdem, dass das Buch nicht ausschließlich auf den therapeutischen Einsatz beschränkt wird. Es richtet sich ausdrücklich sowohl an medizinisch-therapeutische Fachkräfte als auch an den privaten Bereich. Dadurch entsteht eine ungewöhnliche Kombination: Das Buch kann als praktische Ergänzung in der therapeutischen Arbeit dienen und gleichzeitig Menschen ansprechen, die sich selbst intensiver mit ihren Ressourcen und ihrer Selbstregulation beschäftigen möchten.
Dabei sollte man meiner Meinung nach trotzdem unterscheiden: Ein Übungsbuch kann wertvolle Anregungen und praktische Werkzeuge vermitteln, ersetzt aber bei einer ausgeprägten Traumafolgestörung oder starken psychischen Belastungen keine professionelle Diagnostik und Behandlung. Gerade bei Trauma kann es sinnvoll sein, Übungen individuell mit einer entsprechend qualifizierten Fachperson auszuwählen und einzuordnen.
Was mir an „Ein Übungsbuch voller Ressourcen“ besonders gefällt, ist die klare Botschaft „Ins Handeln kommen!“. Das klingt zunächst sehr einfach, ist in der praktischen Umsetzung aber durchaus bedeutsam. Denn Wissen allein verändert noch keine Gewohnheiten. Eine Übung kann ihre Wirkung im Alltag schließlich erst dann entfalten, wenn man sie tatsächlich kennenlernt, ausprobiert und für sich herausfindet, ob und wann sie hilfreich ist.
Genau deshalb wirkt das Buch auf mich weniger wie ein klassischer Ratgeber zum einmaligen Durchlesen, sondern vielmehr wie ein Arbeitsbuch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann.
Auch fachlich finde ich die Verbindung verschiedener Ebenen gelungen: körperliche Reaktionen auf Angst und Panik werden erklärt, neurobiologische Zusammenhänge angesprochen und anschließend mit konkreten Übungen zur Selbstregulation verbunden. Dadurch entsteht ein nachvollziehbarer Bogen von Verstehen über Ausprobieren bis hin zur regelmäßigen Anwendung.
Für Fachkräfte kann die Sammlung von Ressourcenübungen eine interessante Ergänzung für die praktische Arbeit darstellen. Für den privaten Bereich bietet das Buch einen strukturierten Zugang zu einem Thema, das häufig sehr abstrakt beschrieben wird. Statt ausschließlich darüber zu sprechen, was Selbstregulation bedeutet, wird immer wieder die Frage gestellt, was man konkret tun kann.
Mein Eindruck: „Ein Übungsbuch voller Ressourcen“ ist ein praxisorientiertes und verständlich aufgebautes Handbuch für die Ressourcenarbeit. Besonders die Kombination aus Hintergrundwissen, konkreten Übungen, Bildern, Übersichtstabellen und der ausführlichen Darstellung der NEPA-Methode macht das Buch vielseitig einsetzbar.
Wer sich mit Traumaverarbeitung, Ressourcenarbeit, Selbstregulation, Angst- und Panikreaktionen oder innerer Stabilisierung beschäftigt, findet hier zahlreiche Anregungen zum praktischen Arbeiten. Die Spiralbindung unterstreicht dabei den Charakter als echtes Übungsbuch.
Für mich liegt die besondere Stärke darin, dass die Autorin immer wieder vom reinen Wissen zur praktischen Anwendung führt. Nicht nur verstehen, sondern ausprobieren. Nicht nur über Ressourcen sprechen, sondern herausfinden, welche persönlichen Kraftquellen tatsächlich tragen können.
Ein Buch also, das weniger zum gemütlichen Zurücklehnen einlädt, sondern eher dazu, sich selbst aktiv mit den eigenen Ressourcen auseinanderzusetzen – Schritt für Schritt, praktisch und mit dem klaren Ziel, mehr Möglichkeiten für Selbstregulation und innere Stabilität kennenzulernen.
- Herausgeber : modernes lernen
- Erscheinungstermin : 12. Januar 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 72 Seiten
- ISBN-10 : 3808009810
- ISBN-13 : 978-3808009819
- Abmessungen : 16 x 1 x 22.5 cm
