
Es gibt keine Wale im Wilmersee von Laura Dürrschmidt ist ein stilles, eindringliches Buch, das sich nicht aufdrängt, sondern langsam näherkommt – wie ein leiser Atemzug auf einer zugefrorenen Wasseroberfläche. Ein Roman, der vom Verlust erzählt, vom Verstummen, von Erinnerungen, die wärmen und zugleich schmerzen, und von der vorsichtigen Hoffnung, dass Nähe trotz allem noch möglich ist.
Alles beginnt mit einem See. Wenn der Winter streng genug ist, friert der Wilmersee zu, und man kann über das Eis bis zu einer kleinen Waldinsel gehen. Der Winter, in dem die Erzählerin acht Jahre alt ist, ist kalt – aber nicht kalt genug. An diesem See verliert sie Alice. Und mit Alice verliert sie etwas noch Größeres: ihren Namen, ihre Sprache, ihre Selbstverständlichkeit in der Welt. Von diesem Moment an ist nichts mehr, wie es war.
Seitdem wird in der Familie nicht mehr gesprochen. Worte scheinen gefährlich geworden zu sein, als könnten sie weiteres Unglück heraufbeschwören. Mit der Sprache verschwinden auch die Menschen: die Mutter, der Vater, die Schwester. Sie sind noch da und doch unerreichbar, wie Gestalten hinter einer dicken Scheibe Eis. Die Erzählerin zieht sich zurück, immer tiefer in ihre Erinnerungen, in eine Zeit, in der das Haus noch lebte, in der die Mutter Geschichten erzählte – von Walen im Wilmersee, von Dingen, die eigentlich unmöglich sind und gerade deshalb trösten. Denn es gibt Dinge, die gehören dem Wasser.
Dürrschmidt erzählt diese Geschichte mit einer Sprache von großer poetischer Klarheit. Jeder Satz wirkt sorgfältig gesetzt, jede Leerstelle bewusst gelassen. Das Schweigen ist hier kein bloßer Mangel, sondern ein eigener Zustand, schwer und allgegenwärtig. Die Erinnerungen der Erzählerin werden zu einem Schutzraum, zu einem Ort, an dem sie sicher ist vor weiterem Verlust. Doch dieser Schutz hat seinen Preis: Wer nur im Vergangenen lebt, riskiert, im Gegenwärtigen zu verschwinden.
Dann, an einem Herbsttag, steht Jora vor der Tür. Eine junge Frau mit roten Haaren, die Fragen stellt, wo sonst niemand mehr fragt, und die das Schweigen nicht einfach hinnimmt. Jora bringt Bewegung in das erstarrte Haus, bringt Geschichten mit, Wärme, eine andere Art von Nähe. Aber Nähe ist gefährlich geworden. Wer hereingelassen wird, könnte wieder gehen. Oder schlimmer noch: etwas in Bewegung setzen, das man nicht mehr kontrollieren kann.
Es gibt keine Wale im Wilmersee ist ein Roman über Trauer und Sprachlosigkeit, aber auch über die leise Kraft des Erzählens. Über das, was bleibt, wenn Worte fehlen – und darüber, wie Worte vielleicht doch zurückkehren können. Laura Dürrschmidt nähert sich dem Unaussprechlichen mit großer Sensibilität und literarischer Feinheit. Ihre Sprache ist ruhig, bildhaft und von einer Zartheit, die lange nachhallt.
Ein Buch, das man nicht einfach liest, sondern mit sich trägt. Wie eine Geschichte, die man am liebsten im Flüsterton weitergeben möchte. Oder wie ein See im Winter: still, dunkel, voller Tiefe – und vielleicht, ganz vielleicht, schwimmt irgendwo darunter doch ein Wal.
- Herausgeber : Ecco Verlag
- Erscheinungstermin : 21. September 2021
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 288 Seiten
- ISBN-10 : 375300006X
- ISBN-13 : 978-3753000060
- Abmessungen : 12.45 x 2.3 x 19.2 cm
- 20 Euro
