/ Juli 9, 2026/ Buch

Geschwister von Moa Herngren – Eine bewegende Familiengeschichte über Erinnerungen, Konflikte und die Wahrheit der Vergangenheit

Familien sind ein Ort der Geborgenheit – und zugleich der tiefsten Verletzungen. Mit ihrem Roman „Geschwister“ beweist die schwedische Bestsellerautorin Moa Herngren erneut ihr außergewöhnliches Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen. Nach ihren viel beachteten Familienromanen widmet sie sich diesmal den oft komplizierten Dynamiken zwischen Geschwistern und erzählt eine Geschichte, die ebenso emotional wie erschreckend realistisch wirkt.

Im Mittelpunkt stehen die drei erwachsenen Geschwister Ulrika, Andrea und Rasmus, die sich nach dem Tod ihres Vaters im Elternhaus wiedersehen. Eigentlich soll der Geburtstag ihrer Mutter gefeiert werden. Doch statt Nähe und Zusammenhalt bestimmen unausgesprochene Konflikte, alte Kränkungen und unterschiedliche Erinnerungen das Wiedersehen. Was zunächst wie ein gewöhnliches Familientreffen beginnt, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einer emotionalen Auseinandersetzung, bei der jahrzehntelang verdrängte Gefühle an die Oberfläche gelangen.

Jedes der drei Geschwister blickt völlig unterschiedlich auf die gemeinsame Kindheit zurück. Andrea fühlt sich seit jeher von der engen Beziehung zwischen ihrer älteren Schwester Ulrika und der Mutter ausgeschlossen. Ulrika hingegen ist überzeugt, dass Andrea als Liebling des verstorbenen Vaters stets bevorzugt wurde. Rasmus, der jüngste Bruder, hat sich sein Leben lang im Schatten seiner Schwestern bewegt und versucht, den familiären Spannungen möglichst aus dem Weg zu gehen.

Als im Elternhaus plötzlich mehrere Gegenstände verschwinden, eskaliert die ohnehin angespannte Situation. Alte Vorwürfe brechen auf, Misstrauen wächst und jede Figur präsentiert ihre ganz eigene Version der gemeinsamen Vergangenheit. Schnell wird deutlich, dass Erinnerungen nicht objektiv sind. Jeder Mensch erlebt dieselben Ereignisse anders und entwickelt daraus seine eigene Wahrheit.

Genau hier liegt die große Stärke des Romans. Moa Herngren verzichtet auf einfache Schuldzuweisungen oder eindeutige Antworten. Stattdessen zeigt sie eindrucksvoll, wie unterschiedlich Menschen dieselbe Kindheit wahrnehmen können und wie stark familiäre Rollen unser gesamtes Leben beeinflussen. Wer hatte wirklich die schwerste Kindheit? Wer wurde bevorzugt? Wer wurde übersehen? Der Roman macht deutlich, dass sich diese Fragen selten eindeutig beantworten lassen.

Der Schreibstil der Autorin ist klar, ruhig und gleichzeitig von großer emotionaler Intensität geprägt. Ohne dramatische Übertreibungen entstehen Szenen, die erstaunlich authentisch wirken. Die Dialoge sind lebensnah, die Gedanken der Figuren nachvollziehbar und die zwischenmenschlichen Spannungen entwickeln sich fast unmerklich, bis sie schließlich ihre ganze Wucht entfalten. Gerade diese Zurückhaltung macht die Geschichte so eindringlich.

Besonders beeindruckend ist die psychologische Tiefe der Charaktere. Keine Figur bleibt eindimensional, keine handelt ausschließlich richtig oder falsch. Stattdessen zeigt Moa Herngren Menschen mit Stärken, Schwächen, Verletzungen und Ängsten. Dadurch entsteht eine große Nähe zu den Figuren, selbst wenn man ihre Entscheidungen nicht immer nachvollziehen kann.

Der Roman regt immer wieder zum Nachdenken über die eigene Familie an. Viele Leserinnen und Leser werden sich in einzelnen Situationen wiedererkennen, denn Rivalität zwischen Geschwistern, unausgesprochene Erwartungen, verletzende Erinnerungen oder das Gefühl, weniger gesehen worden zu sein, gehören zu den Erfahrungen vieler Familien. Gerade deshalb entwickelt die Geschichte eine besondere emotionale Kraft.

Auch sprachlich überzeugt „Geschwister“ auf ganzer Linie. Die deutsche Übersetzung von Katharina Martl transportiert die feinen Zwischentöne und die psychologische Präzision des Originals hervorragend. Die Geschichte bleibt bis zur letzten Seite spannend, obwohl sie nicht von äußeren Ereignissen, sondern ausschließlich von den Beziehungen ihrer Figuren lebt.

Fazit

„Geschwister“ von Moa Herngren ist ein ebenso kluger wie bewegender Familienroman über Erinnerungen, Verletzungen und die Frage, ob es überhaupt eine objektive Wahrheit innerhalb einer Familie geben kann. Mit großem Einfühlungsvermögen und feiner Menschenkenntnis erzählt die Autorin von Geschwisterliebe, Konkurrenz, Enttäuschungen und den Spuren, die eine Kindheit bis ins Erwachsenenalter hinterlässt.

Wer tiefgründige Romane über Familienbeziehungen, psychologische Spannung und authentische Charaktere schätzt, wird von diesem Buch begeistert sein. „Geschwister“ ist keine laute Geschichte, sondern ein stiller, eindringlicher Roman, der lange nach dem Lesen nachwirkt und eindrucksvoll zeigt, wie zerbrechlich familiäre Bindungen sein können – und wie unterschiedlich Menschen dieselbe Vergangenheit erleben.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Kein & Aber
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 8. Juni 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1. Auflage, neue
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 496 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3036950923
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3036950921
  • Originaltitel ‏ : ‎ Syskonfejden
  • Abmessungen ‏ : ‎ 13 x 21 x 3 cm

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