/ August 31, 2026/ Buch

Eine interessante Geschichte von der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, von beiden Weltkriegen. „Geteiltes Haus“ von Alice Horáčková nimmt mich mit ins Riesengebirge, genauer gesagt nach Benetzko, und erzählt dort eine Geschichte, die viel größer ist als die Lebensgeschichte zweier Frauen. Es geht um Freundschaft, Heimat, Familie, Verlust und die Frage, was es eigentlich bedeutet, irgendwo dazuzugehören.

Im Mittelpunkt stehen Zdenka und Anežka, zwei Frauen, die unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen aufwachsen und doch durch eine außergewöhnliche Freundschaft miteinander verbunden bleiben. Die eine ist Tschechin, die andere Deutsche. Schon allein diese Konstellation macht deutlich, wie kompliziert das Leben in einer Region gewesen sein muss, in der nationale Identitäten, politische Veränderungen und gesellschaftliche Umbrüche immer wieder aufeinanderprallen.

Besonders faszinierend finde ich, dass Alice Horáčková die große Geschichte nicht einfach aus der Perspektive von Politik und Schlachten erzählt. Stattdessen erleben wir die Zeit durch Menschen, die ihren ganz normalen Alltag bewältigen müssen. Während sich draußen die Welt verändert, geht es für Zdenka und Anežka um Liebe und Familie, um Ehemänner und Kinder, um Streit und Versöhnung, um Sorgen, Enttäuschungen und die kleinen Dinge des Lebens. Gerade dadurch wird die Geschichte so greifbar.

Das Riesengebirge in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bildet dabei eine ganz besondere Kulisse. Es ist eine Zeit voller Umbrüche: Regime wechseln, Grenzen und Zugehörigkeiten verändern sich und schließlich bringen die beiden Weltkriege unermessliches Leid über die Menschen. Für Zdenka und Anežka bedeutet diese Zeit, dass sie immer wieder mit Situationen konfrontiert werden, die sie sich selbst kaum ausgesucht haben.

Und trotzdem sind sie keine passiven Figuren. Beide Frauen werden als eigenwillig, stark und durchaus unbequem beschrieben. Sie gehen ihren eigenen Weg, auch wenn dieser nicht immer einfach ist. Sie müssen sich mit wildernden Männern, schwierigen Schwiegermüttern, desertierenden Kindern und den Konflikten um ihre jeweilige Nationalität auseinandersetzen. Dabei verlieren sie im Laufe ihres Lebens vieles – Menschen, Sicherheiten, vielleicht auch manche Illusion. Was sie jedoch niemals verlieren, ist ihre Freundschaft.

Genau diese Freundschaft ist für mich das Herzstück des Romans.

Denn „Geteiltes Haus“ erzählt nicht nur davon, wie Geschichte Menschen auseinanderreißen kann. Das Buch zeigt gleichzeitig, dass persönliche Beziehungen stärker sein können als politische Grenzen und nationale Gegensätze. Zdenka und Anežka gehören unterschiedlichen Volksgruppen an, erleben politische Entwicklungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und haben sicherlich nicht immer dieselben Ansichten. Und doch verbindet sie etwas, das sich nicht so einfach durch Politik oder Herkunft zerstören lässt.

Ich mag solche historischen Romane besonders, wenn die große Geschichte durch persönliche Schicksale erzählt wird. Wenn man beim Lesen nicht nur Jahreszahlen und politische Ereignisse vor Augen hat, sondern Menschen kennenlernt, die lachen, streiten, lieben, leiden und versuchen, irgendwie durch ihre Zeit zu kommen. Genau das gelingt Alice Horáčková hier auf eindrucksvolle Weise.

Dabei ist das Buch keineswegs eine romantisch verklärte Rückschau. Die Lebensumstände sind hart, die beiden Weltkriege hinterlassen ihre Spuren und auch innerhalb der Familien ist längst nicht alles harmonisch. Es gibt Konflikte, Verlust und schwierige Entscheidungen. Gerade diese Mischung macht die Geschichte glaubwürdig und menschlich.

„Geteiltes Haus“ ist für mich deshalb ein historischer Roman mit einer ganz besonderen Atmosphäre. Eine Geschichte über das Riesengebirge, über Tschechen und Deutsche, über die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und über die Auswirkungen der beiden Weltkriege auf ganz normale Menschen.

Vor allem aber ist es eine Geschichte über zwei starke Frauen und eine Freundschaft, die allen Widrigkeiten trotzt.

Wer historische Romane liebt, die nicht nur die großen Ereignisse der Geschichte betrachten, sondern zeigen, wie diese Ereignisse das Leben einzelner Menschen verändern, dürfte mit „Geteiltes Haus“ eine interessante und bewegende Lektüre finden. Für mich ist es eine Geschichte, die noch lange nachwirkt – gerade weil sie zeigt, dass Heimat, Herkunft und Nationalität manchmal trennen können, während Freundschaft alle Grenzen überwinden kann.

Ein atmosphärischer, bewegender und historisch interessanter Roman über Freundschaft, Familie, Heimat, das Riesengebirge, Tschechen und Deutsche und die dramatische Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Eine Geschichte über Menschen, die vieles verlieren – aber niemals ihre Verbindung zueinander.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Diogenes
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 19. August 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 880 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 325707400X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257074000
  • Originaltitel ‏ : ‎ Rozp¿leny¿ d¿m
  • Abmessungen ‏ : ‎ 12.6 x 4.7 x 18.5 cm

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*
*