/ September 8, 2026/ Buch

7

Endlich ist sie da: „Hans-Peter Bärtschi. Rebell und Bewahrer“ – eine Biografie über einen Menschen, der sich nicht damit zufriedengegeben hat, Geschichte einfach nur zu betrachten.

Es gibt Menschen, deren Lebenswerk erst richtig sichtbar wird, wenn man sich die Mühe macht, genauer hinzusehen. Hans-Peter Bärtschi war für mich genau so ein Mensch. Seine Geschichte hat mich beim Lesen immer wieder beeindruckt, weil sie zeigt, was passieren kann, wenn jemand nicht bereit ist, wertvolle Zeugnisse der Vergangenheit einfach verschwinden zu lassen.

Schon die Bezeichnung „Rebell und Bewahrer“ finde ich ausgesprochen passend. Denn Bärtschi war offenbar beides: jemand, der sich gegen eingefahrene Vorstellungen und gegen ein rein renditeorientiertes Denken stellte, gleichzeitig aber ein Bewahrer, der erkannt hatte, welchen unschätzbaren Wert alte Fabriken, Bahnanlagen, Industriegebäude und andere Zeugnisse der Industrialisierung besitzen.

Daniel Wehrli erzählt diese Biografie nicht aus sicherer Entfernung. Besonders eindrucksvoll fand ich, dass er Hans-Peter Bärtschi in dessen letzten Lebensjahren selbst begleiten und dabei zahlreiche Stationen seines Wirkens kennenlernen konnte. Dazu kommen intensive Recherchen im umfangreichen Archiv und Gespräche mit Menschen, die Bärtschi kannten. Dadurch bekommt das Buch eine persönliche Nähe, die eine reine Lebensbeschreibung vermutlich nie erreichen könnte.

Beim Lesen wurde mir erneut bewusst, wie leicht wir dazu neigen, unsere gebaute Vergangenheit als selbstverständlich zu betrachten. Eine alte Fabrik, ein Bahnhof, ein Gleisanschluss oder ein Industriegebäude steht irgendwo und gehört scheinbar einfach zum Stadtbild. Doch hinter diesen Gebäuden steckt Geschichte. Menschen haben dort gearbeitet, ganze Regionen wurden durch die Industrialisierung verändert und Städte haben sich um solche Orte herum entwickelt.

Bärtschi hat diese Zusammenhänge gesehen und sich dafür eingesetzt, dass sie nicht einfach dem Bagger zum Opfer fallen.

Sein Weg begann mit dem Architekturstudium an der ETH Zürich, führte über seine Diplomarbeit bei Aldo Rossi und die Promotion bis zur Gründung seines Büros ARIAS im Jahr 1979. Von da an widmete er sich mit beeindruckender Konsequenz der Industriekultur.

Besonders beeindruckend ist die Dimension seines fotografischen Nachlasses. 380.000 Bilder umfasst das Fotoarchiv, das von der ETH Zürich übernommen wurde. Allein diese Zahl macht deutlich, mit welcher Konsequenz Bärtschi dokumentiert und gesammelt hat. Für mich ist dieses Archiv nicht nur eine riesige Sammlung von Fotografien, sondern ein Stück kulturelles Gedächtnis.

Was mir an dieser Biografie besonders gefällt, ist, dass sie Hans-Peter Bärtschi nicht einfach als Fachmann für Architektur und Industriekultur darstellt. Vielmehr wird sichtbar, wie eng sein persönlicher Lebensweg mit den großen Veränderungen seiner Zeit verbunden war. Dadurch wird aus der Biografie gleichzeitig ein Stück Zeitgeschichte.

Man erfährt von Industrialisierung, Eisenbahngeschichte, Städtebau und Denkmalpflege, aber auch von den Konflikten, die entstehen, wenn wirtschaftliche Interessen auf den Wunsch nach Erhaltung historischer Bausubstanz treffen. Genau diese Verbindung macht das Buch für mich so interessant.

Ich hatte beim Lesen mehrfach den Gedanken, wie viele Orte heute vermutlich nicht mehr existieren würden, wenn es nicht Menschen wie Hans-Peter Bärtschi gegeben hätte. Menschen, die unbequem werden, nachfragen, dokumentieren, argumentieren und sich nicht einfach mit einem „Das muss weg“ zufriedengeben.

Vielleicht ist genau das sein eigentliches Vermächtnis: Nicht alles Alte ist wertlos, nur weil es nicht mehr wirtschaftlich genutzt wird.

Diese Biografie hat mir deshalb auch den eigenen Blick auf Städte und Landschaften verändert. Plötzlich betrachtet man alte Industrieanlagen, Bahnhöfe oder Fabrikgebäude mit anderen Augen. Man fragt sich, welche Geschichten hinter den Mauern stecken und was davon für kommende Generationen erhalten bleiben sollte.

„Hans-Peter Bärtschi. Rebell und Bewahrer“ ist für mich deshalb weit mehr als eine klassische Biografie. Es ist ein Buch über Architektur, Industriekultur, Eisenbahngeschichte, Denkmalpflege und gesellschaftlichen Wandel – vor allem aber über Haltung.

Über den Mut, sich einzumischen. Über die Leidenschaft, Wissen zu sammeln. Über die Verantwortung, Geschichte zu bewahren. Und über einen Menschen, der offensichtlich verstanden hatte, dass Vergangenheit nicht einfach etwas ist, das hinter uns liegt, sondern ein Teil dessen, was unsere Gegenwart überhaupt erst verständlich macht.

Eine sehr interessante, sorgfältig recherchierte und zugleich persönlich wirkende Biografie. Für alle, die sich für Architektur, Industriekultur, Eisenbahngeschichte, Stadtentwicklung und Zeitgeschichte interessieren, aber auch für jeden, der wissen möchte, wie viel ein einzelner engagierter Mensch bewirken kann.

Ein beeindruckendes Buch über einen außergewöhnlichen Lebensweg – und eine Erinnerung daran, dass Bewahren manchmal auch bedeutet, unbequem zu sein.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Hier und Jetzt
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 1. Oktober 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 352 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3039196456
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3039196456
  • Abmessungen ‏ : ‎ 16.7 x 3.4 x 23.4 cm

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*
*