Ich mag Horror besonders dann, wenn er nicht schon auf den ersten Seiten mit Blut, Monstern und möglichst lauten Schockmomenten um sich wirft. Viel unheimlicher finde ich Geschichten, bei denen zunächst eigentlich alles ganz normal wirkt – und sich dieses Gefühl langsam verändert. Genau hier hat mich „Mimi’s Tales of Terror“ von Junji Ito erwischt. Denn das wirklich Beunruhigende an diesen Geschichten ist für mich die Nähe zum Alltag. Der Horror kommt nicht unbedingt aus einer fernen, völlig fremden Welt. Er könnte theoretisch direkt nebenan beginnen.
Schon beim Lesen der ersten Geschichten hatte ich dieses unangenehme Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Nicht unbedingt sofort greifbar, nicht immer erklärbar, aber eben da. Und genau das kann Junji Ito meiner Meinung nach besonders gut: Er lässt das Unheimliche ganz langsam in eine eigentlich vertraute Umgebung eindringen. Ein Geräusch, eine merkwürdige Begegnung, eine seltsame Person oder eine Situation, die zunächst harmlos erscheint – und plötzlich fühlt sich die ganze Umgebung anders an.
Das hat bei mir für einige dieser typischen Momente gesorgt, in denen man beim Lesen kurz innehält und denkt: „Okay … das war jetzt wirklich unheimlich.“
„Mimi’s Tales of Terror“ besteht aus neun eigenständigen Gruselgeschichten, die auf urbanen Horrorlegenden aus der japanischen Sammlung „Shin Mimibukuro“ basieren. Im Mittelpunkt steht Mimi, eine junge Frau, die in unterschiedliche seltsame und teilweise albtraumhafte Situationen gerät. Dadurch entsteht keine klassische zusammenhängende Horrorgeschichte, sondern eine Sammlung verschiedener Begegnungen mit dem Übernatürlichen.
Genau diese Form gefällt mir sehr gut.
Man kann eine Geschichte lesen, sich kurz von der Atmosphäre erholen und anschließend direkt in den nächsten Albtraum einsteigen. Und obwohl die einzelnen Geschichten unterschiedlich sind, verbindet sie eine gemeinsame Stimmung: dieses leise Gefühl, dass hinter dem scheinbar Normalen etwas lauert, das man besser nicht entdecken sollte.
Besonders beeindruckend finde ich dabei Junji Itos Zeichnungen. Wer seine Werke kennt, weiß natürlich, dass der Autor und Zeichner einen ganz eigenen Stil besitzt. Auch hier setzt er nicht ausschließlich auf offensichtliche Schockbilder. Vieles entsteht durch Perspektiven, Gesichtsausdrücke, Details und den geschickten Aufbau einzelner Szenen.
Manchmal ist ein Blick auf eine Figur schon unangenehmer als eine ganze Seite voller klassischer Horror-Elemente.
Und genau das macht „Mimi’s Tales of Terror“ für mich so effektiv.
Ich hatte beim Lesen immer wieder den Eindruck, dass die eigentliche Angst nicht unbedingt dort entsteht, wo etwas Schreckliches passiert, sondern schon vorher. Man wartet geradezu darauf, dass etwas nicht stimmt. Dieses Warten erzeugt eine Spannung, die sich langsam aufbaut. Ito versteht es, mit dieser Erwartung zu spielen und den Leser immer wieder auf eine falsche Fährte zu schicken.
Was mir außerdem gefällt, ist die Alltagsnähe. Die Geschichten fühlen sich nicht wie typische Fantasy-Abenteuer an, bei denen von Anfang an klar ist, dass man sich in einer erfundenen Welt voller Monster befindet. Stattdessen begegnet Mimi Dingen, die zunächst erstaunlich gewöhnlich wirken. Gerade dadurch wird das Ganze unangenehm realistisch.
Ich musste beim Lesen tatsächlich darüber nachdenken, wie schnell sich die eigene Wahrnehmung verändern kann. Ein Geräusch, das man normalerweise ignoriert, bekommt plötzlich eine völlig andere Bedeutung. Ein leerer Raum wirkt nicht mehr leer. Ein fremdes Gesicht fällt einem stärker auf. Und wenn man anschließend abends allein zu Hause ist, sieht man manche alltäglichen Dinge vielleicht doch ein kleines bisschen anders.
Das ist für mich guter Horror.
Er funktioniert nicht nur während des Lesens, sondern bleibt noch ein wenig im Kopf.
Die neun Geschichten unterscheiden sich dabei in ihrer Wirkung. Manche fand ich eher subtil und beklemmend, andere deutlich verstörender. Gerade diese Abwechslung verhindert, dass sich die Sammlung irgendwann eintönig anfühlt. Man weiß nie genau, welche Art von Horror einen auf den nächsten Seiten erwartet.
Dabei ist „Mimi’s Tales of Terror“ für mich nicht unbedingt ein Buch, das man einfach nebenbei durchblättert. Ich habe mich bewusst auf die einzelnen Geschichten eingelassen, weil gerade die Atmosphäre einen großen Teil des Leseerlebnisses ausmacht. Die Kombination aus Text und Bildern funktioniert dabei hervorragend. Manchmal erzählt das Bild etwas, das der Text nur andeutet – und genau diese Verbindung sorgt dafür, dass sich manche Szenen regelrecht festsetzen.
Besonders spannend finde ich den japanischen Hintergrund der Geschichten. Urbane Legenden funktionieren schließlich häufig deshalb so gut, weil sie sich mit Orten und Situationen beschäftigen, die einem vertraut vorkommen. Das Übernatürliche wird nicht irgendwo weit weg angesiedelt, sondern mitten in die normale Welt gesetzt.
Und genau daraus entsteht dieser besondere Horror von Junji Ito.
Für mich ist das Buch deshalb auch mehr als eine klassische Sammlung von Gruselgeschichten. Es spielt mit menschlichen Ängsten, mit unserer Vorstellungskraft und mit der Frage, was passieren könnte, wenn die Realität plötzlich kleine Risse bekommt.
Was mir ebenfalls gefällt: Man muss kein eingefleischter Horror-Manga-Fan sein, um mit dem Band etwas anfangen zu können. Die Geschichten funktionieren jeweils für sich und sind dadurch auch für Leser interessant, die Junji Ito erst kennenlernen möchten. Wer allerdings bereits „Tomie“, „Uzumaki“ oder „Gyo“ kennt, wird vermutlich schnell merken, warum Ito so einen besonderen Ruf im Horror-Manga besitzt.
Mein persönlicher Eindruck fällt deshalb sehr positiv aus. „Mimi’s Tales of Terror“ ist für mich ein atmosphärischer, verstörender und teilweise richtig unangenehmer Horror-Manga – und genau das ist hier als Kompliment gemeint.
Ich mag, dass der Horror nicht ständig laut sein muss. Manchmal reicht ein merkwürdiges Geräusch, eine Gestalt im falschen Moment oder ein Detail, das eigentlich gar nicht dort sein dürfte. Junji Ito versteht es, aus solchen Kleinigkeiten eine Stimmung zu entwickeln, bei der man sich plötzlich selbst fragt, ob man nachts wirklich noch einmal nachsehen möchte, was da gerade im Flur war.
Wer ruhigen, psychologischen und gleichzeitig verstörenden Horror mag, dürfte hier auf seine Kosten kommen. Die neun eigenständigen Geschichten bieten abwechslungsreiche Albträume und zeigen einmal mehr, wie wirkungsvoll Horror sein kann, wenn er ganz unscheinbar beginnt.
Für mich ist „Mimi’s Tales of Terror“ genau die Art von Horror, die noch ein bisschen länger bleibt, nachdem man das Buch längst zugeschlagen hat. Nicht weil jede Geschichte auf maximale Schockwirkung setzt, sondern weil Junji Ito etwas viel Unangenehmeres schafft: Er bringt einen dazu, dem ganz normalen Alltag plötzlich nicht mehr ganz zu vertrauen.
Und wenn der Horror tatsächlich nebenan wohnen könnte, ist das vielleicht die gruseligste Vorstellung von allen.
- Herausgeber : Carlsen Manga
- Erscheinungstermin : 28. Juli 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 230 Seiten
- ISBN-10 : 3551809437
- ISBN-13 : 978-3551809438
- Lesealter : Ab 16 Jahren
- Originaltitel : Mimis Tales of Terror
- Abmessungen : 14.8 x 2.8 x 21.5 cm
