/ September 24, 2026/ Buch

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Schon der Titel „Unwucht“ passt erstaunlich gut zu diesem Roman. Denn hier ist eigentlich ständig etwas aus dem Gleichgewicht. Gefühle, Beziehungen, Erinnerungen und vor allem das Leben von Alice und Rio. Sarah Elena Müller erzählt von einer Liebe, die nicht einfach nur schön oder traurig ist, sondern von Anfang an etwas Unruhiges, Kaputtes und gleichzeitig unglaublich Menschliches in sich trägt.

Alice wartet. Auf Rio, auf einen Anruf, auf eine Erklärung. Und irgendwann wartet man als Leser fast automatisch mit ihr. Rio ist verschwunden, taucht wieder auf, verschwindet erneut und steckt tief in seiner Drogensucht und in kleinkriminellen Geschichten fest. Alice dagegen versucht irgendwie, ihren eigenen Alltag zusammenzuhalten. Sie arbeitet als Kellnerin, hält an unfertigen Liebesliedern fest und fährt mit ihrem alten, rostigen Fiat durch eine Welt, die selbst ziemlich heruntergekommen wirkt.

Was mir dabei besonders gefallen hat: Alice und Rio sind keine glatt gezeichneten Romanfiguren. Beide haben Ecken, Fehler und Entscheidungen, die man nicht unbedingt nachvollziehen kann. Und genau das macht ihre Beziehung so interessant. Man spürt, dass zwischen den beiden einmal etwas Besonderes war, gleichzeitig aber auch, wie sehr diese Liebe sie gegenseitig herunterzieht. Es ist eine Verbindung, aus der Alice lange nicht herauskommt, obwohl sie eigentlich längst merkt, dass sie ihr nicht guttut.

Das Buch erzählt dabei nicht einfach chronologisch, was passiert ist. Sieben Jahre später steht Alice wieder vor Rios Tür. Sie möchte über die Vergangenheit sprechen, möchte verstehen, was damals eigentlich passiert ist, und arbeitet gleichzeitig an einem Roman über ihre Geschichte. Und genau hier wird „Unwucht“ für mich besonders spannend: Was ist Erinnerung und was ist Erfindung? Was haben beide tatsächlich erlebt und was davon ist nur Alices persönliche Sicht?

Denn Erinnerungen sind eben nicht immer zuverlässig. Jeder Mensch erlebt dieselbe Situation ein bisschen anders und nimmt aus einer gemeinsamen Geschichte seine eigene Wahrheit mit. Rio wehrt sich deshalb auch gegen Alices Deutungshoheit. Und plötzlich stellt sich beim Lesen die Frage, wem man eigentlich glauben kann.

Ich mochte diese Unsicherheit, weil sie den Roman nicht einfach zu einer klassischen Geschichte über eine schwierige Liebe macht. „Unwucht“ beschäftigt sich gleichzeitig mit dem Erzählen selbst. Alice versucht, ihre Vergangenheit durch das Schreiben zu verstehen. Doch je mehr sie erzählt, desto stärker verschwimmen die Grenzen zwischen Erlebtem und Erfundenem. Das ist teilweise irritierend, aber genau diese Irritation gehört für mich zum Reiz des Buches.

Trotz der schwierigen Themen – Drogensucht, Abhängigkeit, soziale Probleme, gescheiterte Lebensentwürfe und eine Beziehung, die immer wieder an ihre Grenzen kommt – wirkt der Roman nicht durchgehend schwer. Sarah Elena Müller gelingt es, immer wieder einen hintersinnigen Humor einzubauen. Dadurch bekommt die Geschichte eine ganz eigene Leichtigkeit, obwohl unter der Oberfläche ständig etwas Bedrohliches und Unaufgelöstes mitschwingt.

Besonders Alice ist eine Figur, bei der ich immer wieder zwischen Mitgefühl, Verständnis und Kopfschütteln gewechselt habe. Sie versucht, an etwas festzuhalten, das ihr gleichzeitig Halt und Schaden bringt. Ihr rostiger Fiat, die unfertigen Songs, die Bruchbuden, Raves und die Begegnungen mit Rio ergeben dabei eine ungewöhnliche Atmosphäre. Nichts wirkt besonders glamourös – und gerade deshalb fühlt sich vieles erstaunlich echt an.

Auch die Sprache hat ihren eigenen Charakter. „Unwucht“ liest sich nicht wie eine klassische Liebesgeschichte, sondern eher wie eine literarische Annäherung an eine Beziehung, deren Wahrheit sich nicht mehr eindeutig feststellen lässt. Der Roman verlangt deshalb ein wenig Aufmerksamkeit, belohnt den Leser aber mit vielen Zwischentönen.

Für mich ist das ein Buch über eine heillose Liebe, über Abhängigkeit und über die Frage, wie sehr wir unsere eigene Vergangenheit überhaupt objektiv erzählen können. Alice möchte verstehen, was damals passiert ist. Doch vielleicht ist genau das gar nicht so einfach, wenn man selbst mitten in der Geschichte steckt.

Dass „Unwucht“ für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde, überrascht mich nach der Lektüre nicht. Der Roman ist ungewöhnlich, eigenwillig und stellenweise unbequem. Er erzählt keine klassische Liebesgeschichte mit einfachen Antworten, sondern lässt bewusst Fragen offen.

Wer literarische Romane mag, die sich mit Beziehungen, Erinnerung, Sucht und der Macht des Erzählens beschäftigen, bekommt hier eine Geschichte, die noch eine Weile im Kopf bleibt. „Unwucht“ ist keine einfache Lektüre über eine schwierige Liebe – sondern ein Roman darüber, wie schwer es sein kann, die eigene Geschichte überhaupt zu verstehen.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Limmat
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 20. August 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 336 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3039261096
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3039261093
  • Abmessungen ‏ : ‎ 12.7 x 3.5 x 18.8 cm

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