
Manche Bücher liest man und legt sie anschließend zur Seite. Und dann gibt es Bücher, bei denen man während des Lesens immer wieder innehält, weil ein Satz oder ein Gedanke etwas in einem selbst auslöst. „Wer wir wirklich sind jenseits von Scham und Selbstablehnung: Vom Entwicklungstrauma zu innerer Freiheit“ von Laurence Heller und Stephan Konrad Niederwieser gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.
Der Titel hat mich sofort angesprochen, denn die Frage, wer wir eigentlich sind, wenn wir einmal alle Selbstzweifel, Erwartungen und alten Prägungen beiseitelassen, ist unglaublich spannend. Gleichzeitig ist das Thema keineswegs leicht. Scham, Schuldgefühle, Selbstablehnung und Selbstsabotage können das eigene Leben viel stärker beeinflussen, als man vielleicht zunächst denkt. Beim Lesen musste ich deshalb mehrfach über Situationen nachdenken, in denen Menschen sich selbst viel härter beurteilen als andere es jemals tun würden.
Genau hier setzt das Buch an.
Laurence Heller, der Begründer des NeuroAffective Relational Model (NARM™), und Stephan Konrad Niederwieser beschäftigen sich mit den Auswirkungen von Entwicklungstrauma und chronischer Scham. Dabei geht es nicht nur um offensichtlich traumatische Erfahrungen. Vielmehr wird deutlich, dass sich bestimmte Muster bereits sehr früh im Leben entwickeln können und später unsere Beziehungen, unser Selbstbild und unseren Umgang mit Herausforderungen beeinflussen.
Besonders interessant fand ich die zentrale Idee, dass Scham nicht unsere Identität ist. Das klingt zunächst vielleicht nach einem einfachen Satz, aber beim Nachdenken steckt darin unglaublich viel. Wer sich über lange Zeit als „nicht gut genug“, „falsch“ oder „nicht liebenswert“ erlebt, kann irgendwann vergessen, dass diese Gefühle nicht zwangsläufig etwas über den eigenen tatsächlichen Wert aussagen.
Ich fand diesen Gedanken beim Lesen sehr befreiend.
Denn vermutlich kennt fast jeder Mensch Momente, in denen er sich selbst infrage stellt. Man macht einen Fehler und denkt nicht nur „Das war nicht gut“, sondern plötzlich „Ich bin nicht gut genug“. Man wird kritisiert und zweifelt gleich an der eigenen Persönlichkeit. Oder man erlebt Zurückweisung und sucht die Schuld sofort bei sich selbst. Genau diese Unterschiede zwischen einem Verhalten und dem eigenen Selbstwert werden in dem Buch sehr interessant beleuchtet.
Selbstablehnung kann unglaublich leise funktionieren. Sie muss nicht bedeuten, dass jemand ständig schlecht über sich spricht. Sie kann sich auch darin zeigen, dass man sich selbst nichts zutraut, eigene Bedürfnisse zurückstellt, Schwierigkeiten vermeidet oder sich immer wieder unbewusst selbst sabotiert.
Beim Lesen habe ich deshalb auch überlegt, wie oft wir bestimmte Verhaltensweisen bei anderen sofort verstehen möchten, während wir mit uns selbst wesentlich weniger geduldig sind. Gerade dieser Perspektivwechsel hat mir an dem Buch gefallen.
Ein weiterer wichtiger Bereich sind Beziehungen und Intimität. Wer tief im Inneren davon überzeugt ist, nicht gut genug zu sein oder irgendwann abgelehnt zu werden, kann Schwierigkeiten haben, Nähe wirklich zuzulassen. Man möchte geliebt werden und hat gleichzeitig Angst davor, sich verletzlich zu zeigen. Das kann zu Rückzug, Anpassung oder Konflikten führen.
Das Buch zeigt, wie solche Muster entstehen und wie sie sich auf das spätere Leben auswirken können. Besonders hilfreich fand ich dabei, dass nicht einfach nach dem Motto „Denk positiv und alles wird gut“ gearbeitet wird. Die Autoren gehen deutlich tiefer.
Im Mittelpunkt steht der NARM™ Emotional Completion Process, der als Ansatz vorgestellt wird, um chronische Scham und Selbstablehnung zu erkennen und zu bearbeiten. Das NARM-Modell verbindet dabei Aspekte von Trauma, Nervensystem, Beziehungen und emotionaler Entwicklung. Ziel ist es, sich wieder stärker mit den eigenen Ressourcen und der eigenen Lebendigkeit zu verbinden.
Für mich war gerade diese Verbindung sehr interessant. Denn innere Freiheit bedeutet schließlich nicht, dass man nie wieder Angst, Scham oder Selbstzweifel empfindet. Vielmehr geht es darum, diese Gefühle wahrnehmen zu können, ohne ihnen automatisch die Kontrolle über das eigene Leben zu überlassen.
Das empfand ich als eine der stärksten Botschaften des Buches.
Auch der Gedanke der Selbstsabotage hat mich beschäftigt. Manchmal stehen wir uns selbst im Weg, obwohl wir eigentlich genau wissen, was wir möchten. Wir verschieben Dinge, ziehen uns zurück, vermeiden Entscheidungen oder halten an Beziehungen und Situationen fest, die uns eigentlich nicht guttun. Das kann von außen unverständlich wirken. Mit einem Blick auf alte emotionale Muster können solche Verhaltensweisen jedoch verständlicher werden.
Besonders positiv finde ich, dass das Buch nicht den Eindruck vermittelt, mit uns sei grundsätzlich „etwas falsch“. Im Gegenteil: Die Autoren richten den Blick darauf, was hinter bestimmten Reaktionen und Schutzmechanismen steckt. Das verändert die Perspektive enorm.
Statt sich selbst für bestimmte Verhaltensweisen zu verurteilen, kann man beginnen, neugierig darauf zu schauen: Warum reagiere ich eigentlich so? Was versucht dieser Teil von mir zu schützen? Und was brauche ich heute wirklich?
Diese Fragen habe ich für mich als besonders wertvoll empfunden.
Auch die Themen Selbstvertrauen, Akzeptanz und Lebendigkeit bekommen dadurch eine neue Bedeutung. Es geht nicht darum, eine komplett neue Persönlichkeit zu werden. Vielmehr geht es darum, wieder stärker Zugang zu dem zu bekommen, was bereits vorhanden ist, aber möglicherweise durch alte Anpassungs- und Schutzmechanismen überlagert wurde.
Das macht den Ansatz für mich sehr menschlich.
Natürlich ist das Buch keine leichte Unterhaltung und auch kein klassischer Ratgeber, den man schnell nebenbei durchliest. Die Inhalte verlangen Aufmerksamkeit und manchmal auch die Bereitschaft, sich selbst ehrlich zu betrachten. Gerade deshalb würde ich mir beim Lesen Zeit lassen und nicht versuchen, alles sofort umzusetzen.
Wichtig finde ich außerdem: Ein Buch über Entwicklungstrauma und psychische Belastungen kann professionelle therapeutische Unterstützung nicht ersetzen. Wer unter starken oder anhaltenden Beschwerden leidet, sollte sich entsprechende fachliche Hilfe suchen. Für mich liegt der Wert dieses Buches vor allem darin, Zusammenhänge verständlicher zu machen und neue Perspektiven auf sich selbst zu eröffnen.
Mein Fazit
„Wer wir wirklich sind jenseits von Scham und Selbstablehnung“ von Laurence Heller und Stephan Konrad Niederwieser ist ein tiefgehendes und nachdenklich stimmendes Buch über Entwicklungstrauma, chronische Scham, Selbstablehnung und den Weg zu innerer Freiheit.
Besonders beeindruckt hat mich die zentrale Botschaft, dass wir nicht mit unseren alten Verletzungen, Ängsten oder Schamgefühlen gleichzusetzen sind. Wir sind mehr als die Geschichten, die wir irgendwann über uns selbst gelernt haben.
Das NARM™-Modell und der NARM™ Emotional Completion Process bieten dabei eine interessante Perspektive auf emotionale Muster, Beziehungen und die Entwicklung des eigenen Selbstbildes. Das Buch macht verständlich, warum bestimmte Reaktionen immer wieder auftauchen können und wie ein bewussterer Umgang damit möglich werden kann.
Für mich ist es vor allem ein Buch, das zur Selbstreflexion einlädt. Es macht Mut, sich selbst nicht ständig zu bewerten, sondern sich mit mehr Verständnis zu begegnen. Und vielleicht beginnt genau dort ein Stück jener inneren Freiheit, von der die Autoren sprechen.
Wer sich für Traumaheilung, Psychologie, Scham, Selbstwert, Beziehungen, emotionale Entwicklung und NARM™ interessiert, findet hier viele wertvolle Denkanstöße.
Eine anspruchsvolle, aber sehr interessante Lektüre mit einer Botschaft, die mir besonders gut gefallen hat: Wir müssen nicht für immer die Person bleiben, zu der uns alte Erfahrungen gemacht haben.
- Herausgeber : Kösel-Verlag
- Erscheinungstermin : 24. Juni 2026
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 304 Seiten
- ISBN-10 : 3466348595
- ISBN-13 : 978-3466348596
