/ August 25, 2026/ Buch

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Manche Bücher liest man, um eine schöne Geschichte zu erleben. Andere liest man, weil sie einem einen Menschen so nahebringen, wie es ein Roman kaum könnte. „Nah bei dir.: Briefe 1978–1996“ von Adelheid Duvanel, herausgegeben von Angelica Baum, gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie. Dieses Buch ist intensiv, ehrlich, manchmal schwer auszuhalten und gerade deshalb so beeindruckend.

Die gesammelten Briefe geben einen ungewöhnlich unmittelbaren Einblick in das Leben einer außergewöhnlichen Schweizer Schriftstellerin. Adelheid Duvanel schreibt über viele Jahre hinweg an die befreundete Autorin Maja Beutler und an ihren Lektor Klaus Siblewski. Teilweise entstehen die Briefe fast in Echtzeit – monatlich, manchmal sogar täglich. Dadurch bekommt die Lektüre etwas Tagebuchartiges. Man liest nicht im Rückblick über ein vergangenes Leben, sondern erlebt Gedanken, Sorgen, Krisen und kleine Lichtblicke unmittelbar mit.

Und dieses Leben ist alles andere als einfach. Duvanel erzählt von einem schwierigen Alltag, von Klinikaufenthalten, einer belastenden Ehe, der Drogensucht und der Aidserkrankung ihrer Tochter. Vieles davon ist schmerzhaft und erschütternd. Gleichzeitig beeindruckt die Art, wie sie darüber schreibt. Ihr Ton bleibt häufig lakonisch, trocken und manchmal sogar selbstironisch. Gerade dieser Kontrast macht die Briefe so eindringlich. Wo andere vielleicht große Worte finden würden, bleibt Duvanel erstaunlich nüchtern – und gerade dadurch trifft vieles umso stärker.

„Nah bei dir“ ist deshalb kein leichtes Buch für zwischendurch. Es verlangt Aufmerksamkeit und auch die Bereitschaft, sich auf schwierige Lebenssituationen einzulassen. Aber es ist eine unglaublich lohnende Lektüre für alle, die sich für Literatur, Schriftstellerinnen und Schriftsteller, autobiografisches Schreiben und literarische Briefe interessieren.

Besonders spannend fand ich die Passagen über das Schreiben und Lesen. Denn Duvanel berichtet nicht nur aus ihrem privaten Leben, sondern immer wieder auch über ihre Arbeit als Autorin. Ihre Figuren tauchen in der Korrespondenz auf, Erlebnisse und Beobachtungen finden ihren Weg in ihre Erzählungen. Manche Szenen aus den Briefen wurden sogar nahezu wörtlich in literarische Texte übernommen. Dadurch bekommt man einen faszinierenden Einblick in den kreativen Prozess: Wie wird aus einem persönlichen Erlebnis Literatur? Wo endet das eigene Leben und wo beginnt die erfundene Geschichte?

Auch die Beziehung zu ihrem Lektor Klaus Siblewski ist bemerkenswert. Er begleitet Duvanel über viele Jahre, ermutigt sie gerade in Krisenzeiten zum Weiterschreiben und unterstützt sie dabei, Werkbeiträge und Stipendien zu erhalten. Dadurch wird sichtbar, wie wichtig ein verständnisvoller Mensch im Hintergrund für eine Schriftstellerin sein kann, die immer wieder mit existenziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hat.

Was mich an den Briefen besonders berührt, ist die enorme Widerstandskraft, die darin sichtbar wird. Duvanel beschönigt ihr Leben nicht. Sie schreibt über Niederlagen, Abhängigkeiten, Krankheit, familiäre Konflikte und Verzweiflung. Und trotzdem schreibt sie weiter. Sie liest, beobachtet, arbeitet an ihren Texten und verwandelt ihre Erfahrungen in Literatur.

Genau darin liegt für mich die große Kraft dieses Buches. Adelheid Duvanel macht aus einem schwierigen Leben keine Heldengeschichte. Sie zeigt es, wie es ist – widersprüchlich, traurig, manchmal absurd und gelegentlich überraschend komisch. Ihre Selbstironie verhindert dabei, dass die Briefe ausschließlich von Schwere geprägt sind. Zwischen den dunklen Passagen findet man immer wieder diesen besonderen trockenen Blick auf die Welt.

Als Leser bekommt man außerdem ein viel unmittelbareres Bild der Autorin hinter ihrem literarischen Werk. Man lernt nicht nur Adelheid Duvanel als Schriftstellerin kennen, sondern als Frau mit Ängsten, Hoffnungen, Beziehungen, Sorgen und einem starken Bedürfnis nach Literatur. Das macht „Nah bei dir“ zu einem bemerkenswert persönlichen Dokument.

Der Titel passt dabei wunderbar: Man kommt der Autorin tatsächlich nah. Vielleicht manchmal näher, als einem lieb ist. Aber gerade diese Nähe macht die Briefe so wertvoll. Sie sind kein glatt poliertes Porträt, sondern ein offenes Selbstzeugnis.

„Nah bei dir. Briefe 1978–1996“ ist eine eindrucksvolle Briefsammlung, ein literarisches Tagebuch und zugleich ein schonungsloses Selbstporträt. Wer Adelheid Duvanel bereits kennt, wird ihre Texte nach dieser Lektüre vermutlich mit anderen Augen betrachten. Wer sie noch nicht kennt, bekommt einen sehr persönlichen Zugang zu einer außergewöhnlichen Autorin.

Ein anspruchsvolles, berührendes und literarisch höchst interessantes Buch über Leben, Schreiben, Krankheit, Familie, Krisen und die Kraft der Literatur. Keine einfache Lektüre – aber eine, die lange nachwirkt. Gerade weil Adelheid Duvanel aus den widrigsten Umständen keine großen Erklärungen macht, sondern ihnen etwas viel Stärkeres entgegensetzt: ihre Sprache und ihre Kunst.

  • Herausgeber ‏ : ‎ btb Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 15. Juli 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 896 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 344277599X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3442775996
  • Abmessungen ‏ : ‎ 12 x 4.9 x 18.8 cm

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