/ August 25, 2026/ Buch

Es gibt Romane, die erzählen eine Geschichte, die man sich gut vorstellen kann. Und dann gibt es Bücher, die nehmen eine ganz alltägliche Situation, verändern nur eine einzige Kleinigkeit – und plötzlich sieht man unsere Welt mit völlig anderen Augen. „Zur Zeit der Schneefälle“ von Hanno Millesi gehört für mich eindeutig zur zweiten Sorte. Der Roman ist skurril, unterhaltsam, gesellschaftskritisch und gleichzeitig erstaunlich nah an den Problemen unserer Gegenwart.

Im Mittelpunkt steht Rainer, der nach einer Trennung gerade eine berufliche Auszeit nimmt. Eigentlich könnte er diese Phase nutzen, um etwas Abstand zu gewinnen und sein Leben neu zu sortieren. Doch dann passiert etwas, das sich beim besten Willen nicht vernünftig erklären lässt: In der Wand seines Wohnzimmers entsteht ein Loch. Einfach so. Und plötzlich wird die Wohnung der Familie Nolde auf der anderen Seite sichtbar.

Das klingt zunächst absurd – und genau darin liegt der besondere Reiz dieses Romans. Denn weder Rainer noch die Familie Nolde wissen, was sie mit dieser Situation anfangen sollen. Statt nach einer wirklichen Lösung zu suchen, versucht man zunächst, den Schaden irgendwie zu kaschieren. Eine wunderbar menschliche Reaktion: Wenn etwas nicht in unser gewohntes Weltbild passt, tun wir manchmal lieber so, als wäre es gar nicht da.

Doch das Loch bleibt. Und es wird größer.

Mit dem zunehmenden Verfall der Wand verändert sich auch das Verhältnis der Menschen auf beiden Seiten. Was vorher klar voneinander getrennte Privaträume waren, wird plötzlich zu einer gemeinsamen Bühne. Man kann einander beobachten, hört vielleicht mehr, als einem lieb ist, bekommt Einblicke in die Gewohnheiten der anderen und muss sich gleichzeitig mit der eigenen Sichtbarkeit auseinandersetzen.

Genau daraus entwickelt Hanno Millesi ein herrlich skurriles Kammerspiel mit viel Situationskomik. Denn plötzlich stellen sich Fragen, die man sich normalerweise nicht stellen müsste: War nachts vielleicht jemand auf der anderen Seite? Gibt es einen heimlichen Liebhaber? Was weiß die Nachbarsfamilie eigentlich über einen selbst? Und wäre es vielleicht sogar eine Möglichkeit, aus der unfreiwilligen Nähe eine Art Wohngemeinschaft zu machen?

Das Ganze ist absurd – aber gleichzeitig erstaunlich nachvollziehbar. Denn hinter dem Loch in der Wand steckt viel mehr als eine originelle Romanidee. Es wird zum Bild für die Grenzen, die unser Leben normalerweise strukturieren. Für unsere Privatsphäre. Für unsere persönlichen Rückzugsräume. Und für die Frage, was passiert, wenn diese Grenzen plötzlich verschwimmen.

Besonders interessant ist dabei die Figur Rainer. Nach seiner Trennung befindet er sich ohnehin in einer Art Zwischenzustand. Beruflich hat er eine Pause eingelegt, privat ist vieles unsicher geworden. Nun kommt auch noch diese vollkommen surreale Situation hinzu. Um die Welt um sich herum zu verstehen, versucht Rainer, zwischen wirklichen und scheinbaren Problemen zu unterscheiden. Dabei hilft ihm ausgerechnet der Nachrichtenkonsum – und macht die Sache natürlich nicht unbedingt einfacher.

Denn während direkt vor seiner Nase eine Wohnzimmerwand zerfällt, erreichen ihn täglich Nachrichten über Krisen, politische Entwicklungen und Bedrohungen aus aller Welt. Was ist wirklich wichtig? Was betrifft ihn unmittelbar? Was darf ihn beunruhigen? Und wie soll ein einzelner Mensch überhaupt noch einen vernünftigen Überblick behalten, wenn die Informationsflut ständig größer wird?

Gerade hier wird der Roman erstaunlich aktuell. „Zur Zeit der Schneefälle“ erzählt von Überforderung, Vereinzelung und dem Gefühl, in einer immer komplexeren Welt den Überblick zu verlieren. Das Loch in der Wand wird dabei zu einer wunderbar schrägen Metapher: Plötzlich ist alles offen, nichts mehr klar getrennt und jeder kann in den Raum des anderen schauen.

Dabei bleibt Millesi angenehm unaufgeregt. Er hält keine großen gesellschaftlichen Reden und erklärt seinen Leserinnen und Lesern nicht, was sie denken sollen. Stattdessen lässt er die Situation immer weiter eskalieren und beobachtet seine Figuren mit einem feinen Gespür für ihre kleinen Schwächen, Fehleinschätzungen und alltäglichen Bedürfnisse.

Genau diese Mischung hat mir besonders gut gefallen. Der Roman ist komisch, ohne albern zu werden, gesellschaftskritisch, ohne belehrend zu wirken, und surreal, ohne den Bezug zur Realität zu verlieren. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wird, dass das eigentliche Problem nicht unbedingt das Loch in der Wand ist. Viel schwieriger ist die Frage, wie Menschen mit einer Realität umgehen sollen, die sie nicht mehr vollständig verstehen können.

Das macht „Zur Zeit der Schneefälle“ zu einem ungewöhnlichen Roman über unsere Gegenwart. Über digitale Informationsflut, Einsamkeit, gesellschaftliche Unsicherheit und die Schwierigkeit, zwischen wichtigen und unwichtigen Dingen zu unterscheiden. Gleichzeitig ist es ein unterhaltsames literarisches Experiment, das mit einer herrlich absurden Ausgangssituation spielt.

Für mich ist Hanno Millesi damit ein fein beobachtetes, kluges und überraschend humorvolles Kammerspiel gelungen. Wer Lust auf einen Roman hat, der nicht einfach nur eine Geschichte erzählt, sondern seine Leserinnen und Leser immer wieder zum Nachdenken bringt, dürfte mit diesem Buch viel Freude haben.

„Zur Zeit der Schneefälle“ ist eine ungewöhnliche Parabel auf unsere überfordernde Gegenwart – und vielleicht gerade deshalb so unterhaltsam. Ein Roman über Grenzen, Nähe und Distanz, über Informationsflut und Einsamkeit, über den Versuch, in einer komplizierten Welt den Überblick zu behalten. Und über ein Loch in einer Wohnzimmerwand, das am Ende sehr viel größer ist, als es zunächst aussieht.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Sonderzahl
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 3. März 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 232 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3854496729
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3854496724
  • Abmessungen ‏ : ‎ 13.5 x 2.1 x 20.7 cm

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