/ August 25, 2026/ Buch

Es gibt Bücher, die möchte man schnell lesen, weil man wissen möchte, wie eine Geschichte ausgeht. Und dann gibt es Bücher, bei denen man bewusst langsamer wird. „Es könnte auch schön werden“ von Martina Hefter gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie. Diese Sammlung aus Gedichten und szenischen Texten beschäftigt sich mit Themen, über die wir im Alltag gerne hinwegsehen: Alter, Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Care-Arbeit und Tod. Und gerade deshalb ist dieses Buch so wertvoll.

Schon der Titel hat etwas Berührendes. „Es könnte auch schön werden“ klingt beinahe wie ein vorsichtiger Hoffnungsschimmer. Nicht wie ein Versprechen, dass am Ende alles gut wird, sondern eher wie eine Möglichkeit: Vielleicht kann auch das, was uns Angst macht, Momente von Schönheit, Nähe und Würde enthalten.

Martina Hefter nähert sich dem Alter und der Sterblichkeit nicht mit großen philosophischen Erklärungen, sondern über Beobachtungen, Begegnungen und Sprache. Im Zentrum steht dabei immer der Mensch. Besonders eindringlich ist der titelgebende Text, in dem die Autorin von ihren Besuchen bei ihrer kranken „Schwermutter“ in einem Leipziger Pflegeheim erzählt. Dieser Ort wird nicht romantisiert. Das Pflegeheim erscheint ernüchternd, manchmal alltäglich und gleichzeitig beinahe magisch. Gerade diese Mischung macht die Texte so glaubwürdig.

Was mir besonders gefällt, ist der unaufgeregte Umgang mit einem Thema, das viele Menschen lieber verdrängen. Krankheit, Pflegebedürftigkeit und Tod gehören zum Leben, trotzdem sprechen wir erstaunlich wenig darüber. Hefter stellt die Frage, wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen. Wer übernimmt die Sorgearbeit? Was bedeutet es, wenn ein Mensch nicht mehr selbstständig leben kann? Wie bewahren wir Würde, wenn körperliche Fähigkeiten nachlassen? Und wie begegnen wir einem Lebensabschnitt, der uns gleichzeitig an unsere eigene Vergänglichkeit erinnert?

Dabei geht es nicht ausschließlich um die ältere Generation. Care-Arbeit betrifft uns alle. Angehörige, Partnerinnen und Partner, Freundinnen und Freunde sowie professionelle Pflegekräfte übernehmen Verantwortung, wenn Menschen Unterstützung benötigen. Diese Arbeit ist unverzichtbar und gleichzeitig gesellschaftlich häufig zu wenig sichtbar. Martina Hefter macht diese Realität zum Gegenstand ihrer Literatur und schafft damit einen Raum für Fragen, die weit über die persönliche Erfahrung hinausgehen.

Besonders schön ist die Verbindung verschiedener Textformen. Gedichte und szenische Texte ergänzen sich, treten miteinander in einen Dialog und beziehen dabei auch die Leserinnen und Leser mit ein. Man kann dieses Buch deshalb nicht unbedingt einfach „weglesen“. Manche Texte laden dazu ein, innezuhalten, andere wirken zunächst vielleicht sperrig oder ungewohnt. Aber gerade diese Offenheit macht den Reiz aus.

Die Sprache ist poetisch, ohne die Realität zu beschönigen. Hefter findet Schönheit dort, wo man sie vielleicht zunächst nicht erwarten würde. In einem Pflegeheim, in einer Begegnung, in einer kleinen Geste oder in einem Moment gemeinsamer Aufmerksamkeit. Gleichzeitig bleibt immer die Erkenntnis präsent, dass Krankheit und Alter auch anstrengend, traurig und manchmal schwer auszuhalten sind.

Genau diese Ambivalenz hat mich überzeugt. „Es könnte auch schön werden“ ist kein Buch, das Alter und Sterben verklärt. Es zeigt vielmehr, dass Würde und Schönheit auch unter schwierigen Bedingungen möglich sein können. Das macht die Texte so menschlich.

Besonders eindrucksvoll ist für mich die Frage, die über der gesamten Sammlung steht: Wie können wir unserer eigenen Sterblichkeit mit Schönheit und Würde begegnen? Eine große Frage, auf die es vermutlich keine einfache Antwort gibt. Martina Hefter versucht auch gar nicht, eine solche Antwort zu liefern. Sie lädt vielmehr dazu ein, gemeinsam darüber nachzudenken.

Wer sich auf Gedichte einlassen kann, die nicht nur schön klingen, sondern etwas in Bewegung bringen möchten, findet hier eine außergewöhnliche Lektüre. „Es könnte auch schön werden“ verbindet Literatur mit gesellschaftlicher Beobachtung und persönlicher Erfahrung. Das Buch erzählt von Menschen, die alt werden, krank sind oder Pflege benötigen – aber noch viel mehr erzählt es davon, wie wir einander begegnen.

Für mich ist es deshalb ein ausgesprochen berührendes und nachdenkliches Buch über das Älterwerden, Pflege, Fürsorge, Krankheit und Sterblichkeit, das gleichzeitig Hoffnung zulässt. Nicht die laute, optimistische Hoffnung, die schwierige Dinge einfach wegwischt, sondern eine leise Hoffnung auf Nähe, Menschlichkeit und Würde.

Ein Buch, das vielleicht gerade deshalb so lange nachwirkt, weil es uns daran erinnert, dass wir die schwierigen Seiten des Lebens nicht verdrängen müssen. Wir können ihnen begegnen. Wir können füreinander sorgen. Und vielleicht kann es tatsächlich auch schön werden.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Klett-Cotta
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 17. Januar 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1. Auflage 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 128 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3608967095
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3608967098
  • Abmessungen ‏ : ‎ 12.2 x 1.3 x 20.1 cm

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