/ September 6, 2026/ Buch

Das ist eines dieser Bücher, bei denen ich schon nach wenigen Seiten gemerkt habe, dass es um viel mehr geht als um die klassische Frage „deutsch oder türkisch?“. „ALMANCI-Mädchen: Wie ich mir Deutschsein beigebracht habe“ von Tülin Sezgin hat mich vor allem deshalb angesprochen, weil die Autorin ein Thema aufgreift, das unglaublich viele Menschen kennen, aber nur selten so persönlich, humorvoll und gleichzeitig ehrlich erzählt wird: die Suche nach der eigenen Zugehörigkeit.

Tülin Sezgin, geboren in Berlin-Neukölln, beschreibt ihr Aufwachsen zwischen zwei Kulturen. Und dabei geht es nicht nur um große gesellschaftliche Fragen, sondern um die vielen kleinen Situationen des Alltags. Köfte oder Kartoffelsalat? Türkischer Tee oder deutscher Blechkuchen? Zuckerfest oder Weihnachten? Genau diese scheinbaren Kleinigkeiten machen das Buch für mich so lebendig. Denn Identität entsteht schließlich nicht nur bei großen Lebensentscheidungen, sondern auch am Esstisch, in der Familie, in der Schule, im Freundeskreis und bei Begegnungen mit Menschen, die einen manchmal ganz selbstverständlich in eine bestimmte Schublade stecken wollen.

Besonders hängen geblieben ist mir die Beschreibung von Tülins Mutter, die sich nach mehr als 50 Jahren in Deutschland selbst als „nachgemachte Deutsche“ bezeichnet. Dieser Satz ist gleichzeitig witzig und traurig. Denn er zeigt sehr deutlich, wie kompliziert die Frage nach Zugehörigkeit sein kann. Wann ist man angekommen? Wann darf man sich deutsch nennen? Und warum scheint es für manche Menschen trotzdem nie ganz zu reichen?

Genau diese Fragen ziehen sich durch das gesamte Buch. Tülin wächst in Deutschland auf, ist Berlinerin und gleichzeitig das Almanci-Mädchen in der Türkei. Das türkische Wort „Almancı“ bezeichnet Menschen mit Bezug zur deutschen Migration – und genau zwischen diesen Welten bewegt sich die Autorin. Was ich dabei besonders gelungen finde: Sie versucht nicht, eine einfache Antwort zu geben. Stattdessen erzählt sie von ihren Erfahrungen und lässt den Leser selbst darüber nachdenken, wie sehr Herkunft, Familie, Sprache und gesellschaftliche Erwartungen unsere Vorstellung von Identität beeinflussen.

Dabei ist das Buch keineswegs schwer oder belehrend. Im Gegenteil. Tülin Sezgin erzählt mit viel Humor, Selbstironie und einem sehr feinen Blick auf menschliche Eigenheiten. Gerade dadurch funktionieren die Geschichten so gut. Man schmunzelt über bestimmte Situationen und denkt im nächsten Moment darüber nach, ob man selbst nicht vielleicht schon einmal jemanden aufgrund eines Klischees beurteilt hat.

Ich hatte beim Lesen mehrfach dieses typische Gefühl: „Das kenne ich!“ – manchmal aus eigener Erfahrung, manchmal aus Begegnungen mit anderen Menschen. Und genau das macht „ALMANCI-Mädchen“ für mich so sympathisch. Obwohl die Geschichte sehr persönlich ist, bleibt sie nicht nur bei Tülin. Viele Situationen lassen sich auf andere Familien, Freundschaften und Lebensgeschichten übertragen.

Besonders interessant fand ich auch den Blick auf die unterschiedlichen Erwartungen. In Deutschland kann man plötzlich „zu türkisch“ sein, während man in der Türkei gleichzeitig als „zu deutsch“ wahrgenommen wird. Man gehört irgendwie zu beiden Welten und manchmal trotzdem nicht vollständig zu einer. Dieser Spagat kann anstrengend sein, aber Tülin Sezgin zeigt auch die Chancen darin. Wer zwischen verschiedenen Kulturen aufwächst, entwickelt häufig einen ganz besonderen Blick auf Menschen, Gewohnheiten und gesellschaftliche Eigenheiten.

Sehr charmant fand ich außerdem, dass ihre Verbeamtung im Buch gewissermaßen als besonders deutsches Detail auftaucht. Allein diese Verbindung zeigt schon, wie wunderbar die Autorin mit Klischees spielt. Sie nimmt Stereotype, dreht sie ein wenig auf den Kopf und macht daraus Geschichten, die unterhalten, aber gleichzeitig zum Nachdenken bringen.

Was mir an diesem Buch besonders gefällt, ist seine Ehrlichkeit. Es wird nichts künstlich beschönigt. Es gibt lustige Momente, aber eben auch Situationen, die verletzen oder verunsichern. Gerade diese Mischung macht die persönliche Geschichte glaubwürdig. Tülin erzählt davon, wie Begegnungen ihren Blick auf sich selbst und auf andere Menschen verändert haben. Dadurch wird „ALMANCI-Mädchen“ zu einer sehr persönlichen Auseinandersetzung mit Migration, Identität und der großen Frage nach Zugehörigkeit.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus der Lektüre mitgenommen habe: Man muss sich nicht unbedingt für eine Seite entscheiden. Man kann Köfte lieben und Kartoffelsalat essen. Man kann türkischen Tee trinken und Weihnachten feiern. Man kann in Berlin geboren sein, türkische Wurzeln haben und trotzdem vollkommen selbstverständlich deutsch sein.

Für mich ist „ALMANCI-Mädchen“ ein unterhaltsames, kluges und sehr persönliches Buch über das Leben zwischen Deutschland und Türkei. Es erzählt von kulturellen Unterschieden, Familienerwartungen, Missverständnissen und Klischees, aber vor allem von einem Menschen, der seinen eigenen Platz sucht und dabei lernt, dass Identität nicht unbedingt eine Entweder-oder-Frage sein muss.

Mein Fazit: Ich habe dieses Buch mit einem Lächeln gelesen, aber auch mit einigen Gedanken, die noch länger geblieben sind. Tülin Sezgin schafft es, ein gesellschaftlich wichtiges Thema leicht, humorvoll und gleichzeitig persönlich zu erzählen. Wer sich für Deutschsein, türkische Kultur, Migration, Identität und Zugehörigkeit interessiert oder einfach gerne authentische Lebensgeschichten liest, sollte sich „ALMANCI-Mädchen“ unbedingt näher anschauen.

Ein Buch zum Schmunzeln, Wiedererkennen und Nachdenken – und vielleicht auch eine kleine Erinnerung daran, dass Heimat manchmal nicht nur ein Ort ist, sondern aus vielen verschiedenen Teilen bestehen kann.

  • Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 13. August 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 2.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 240 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3423264659
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423264655
  • Abmessungen ‏ : ‎ 13.6 x 2 x 21 cm

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