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„Das Unheimliche in den Erzählungen von Stephen King“ aus der Ausgabe System ubw 1/2 2025 ist kein typisches Buch über Horrorliteratur, das einfach nur bekannte Geschichten nacherzählt oder billige Schockmomente feiert. Stattdessen geht es darum, warum Stephen Kings Erzählungen bei so vielen Menschen so stark wirken und weshalb seine Figuren, Orte und Ängste oft noch lange nach dem Lesen im Kopf bleiben. Genau das macht diesen Band interessant. Obwohl hier mit psychoanalytischen Ideen gearbeitet wird, wirkt der Stil überraschend locker und verständlich. Man muss also kein Wissenschaftler sein, um mitzukommen.
Der Beitrag von Judith Funke gehört dabei klar zu den spannendsten Teilen. Sie erklärt sehr nachvollziehbar, wie King alltägliche Situationen langsam ins Unheimliche kippen lässt. Das Grauen entsteht bei ihm eben nicht nur durch Monster oder Gewalt, sondern oft durch ganz normale Gefühle wie Einsamkeit, Unsicherheit, Scham oder Angst vor Kontrollverlust. Genau deshalb wirken viele seiner Geschichten so nahbar. Funke zeigt das mit vielen Beispielen und schreibt angenehm direkt, ohne sich hinter komplizierten Fachbegriffen zu verstecken. Dadurch liest sich der Text fast wie ein Gespräch mit jemandem, der Kings Werk wirklich verstanden hat.
Auch Simone Reißners Beitrag über die Psychopathologie des modernen Alltagslebens passt erstaunlich gut in das Gesamtbild. Zuerst denkt man vielleicht, das Thema könnte trocken oder schwer verständlich sein, aber das Gegenteil ist der Fall. Es geht um verdrängte Wünsche, innere Konflikte und Verhaltensmuster, die viele Menschen aus ihrem eigenen Alltag kennen. Gerade dadurch bekommt der Text eine gewisse Ehrlichkeit. Man merkt beim Lesen schnell, dass die beschriebenen Probleme nicht nur irgendwelche theoretischen Konstrukte sind, sondern Dinge, die überall im modernen Leben auftauchen.
Der Abschnitt von Peter Priskil über unbewusste Motive bei Pornographiekonsumenten fällt zunächst etwas aus dem Rahmen, weil das Thema auf den ersten Blick nichts mit Stephen King zu tun hat. Trotzdem ergänzt sich der Beitrag überraschend gut mit den anderen Texten. Auch hier stehen verborgene Wünsche, Fantasien, Ängste und gesellschaftliche Tabus im Mittelpunkt. Besonders positiv ist dabei, dass der Text nicht ständig moralisiert. Statt Menschen vorschnell zu verurteilen, versucht er eher zu verstehen, warum bestimmte Bedürfnisse entstehen und weshalb manche Dinge auf Menschen so stark wirken.
Interessant ist außerdem der Blick in eine alte Zeitschrift über Moritz und Freud. Dieser Teil hat fast etwas Nostalgisches und zeigt, wie lange psychoanalytische Themen schon diskutiert werden. Gleichzeitig merkt man aber auch, dass viele der alten Fragen heute immer noch aktuell sind. Das sorgt dafür, dass die Ausgabe nicht nur wie trockene Theorie wirkt, sondern wie eine Mischung aus Literaturbetrachtung, Gesellschaftsanalyse und psychologischem Einblick.
Insgesamt ist System ubw 1/2 2025 ein ungewöhnlicher, aber sehr lesenswerter Band. Manche Stellen verlangen etwas Konzentration, besonders wenn psychoanalytische Begriffe auftauchen, doch insgesamt bleibt alles angenehm verständlich geschrieben. Vor allem Fans von Stephen King bekommen hier einen interessanten neuen Blick auf seine Geschichten. Der Band zeigt nämlich, dass Horror oft weniger mit Monstern zu tun hat als mit menschlichen Gefühlen, verdrängten Ängsten und dunklen Seiten des Alltags. Genau deshalb bleibt die Lektüre auch nach dem letzten Text noch länger im Kopf hängen.
- Herausgeber : AHRIMAN-Verlag
- Erscheinungstermin : 7. November 2025
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 125 Seiten
- ISBN-10 : 389484731X
- ISBN-13 : 978-3894847319
- Abmessungen : 15.5 x 1.5 x 22.7 cm
- 12 Euro
