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Wenn ein Kind plötzlich explodiert, steckt oft viel mehr dahinter, als man auf den ersten Blick sieht.
„Der Vulkan in meinem Kind“ von Sarah Ockwell-Smith hat mich genau an diesem Punkt abgeholt. Denn starke Gefühlsausbrüche, Wut, Schreien, Verzweiflung oder scheinbar völlig unkontrollierbare Reaktionen können Erwachsene schnell an ihre Grenzen bringen. Gerade bei Kindern mit ADHS entsteht im Familienalltag nicht selten ein Kreislauf aus Konflikten, Erschöpfung, Schuldgefühlen und der immer wiederkehrenden Frage: „Warum kann das jetzt nicht einfach funktionieren?“ Dieses Buch setzt genau dort an – und verändert den Blick auf das Kind.
Besonders angesprochen hat mich, dass Sarah Ockwell-Smith nicht versucht, schwieriges Verhalten einfach wegzuerziehen. Stattdessen geht es darum, zu verstehen, was hinter einem emotionalen Ausbruch stecken kann. Das ist ein entscheidender Unterschied. Ein Kind, das gerade völlig außer sich ist, braucht nicht automatisch noch mehr Druck, strengere Regeln oder eine zusätzliche Strafe. Es braucht zunächst einen Erwachsenen, der versucht zu erkennen, was gerade passiert und welche Unterstützung das Kind in diesem Moment überhaupt leisten kann.
Der Titel mit dem „Vulkan“ ist dabei erstaunlich passend. Von außen sieht man zunächst nur die Explosion. Im Inneren kann sich aber längst eine Menge angestaut haben. Überforderung, Reizüberflutung, Frustration, Schwierigkeiten bei der Selbstregulation oder Gefühle, die das Kind noch gar nicht richtig einordnen und ausdrücken kann. Gerade beim Thema ADHS bei Kindern fand ich diese Perspektive sehr wertvoll. Denn ADHS bedeutet eben nicht einfach, dass ein Kind „nicht hören will“ oder sich nur mehr anstrengen müsste.
Fachlich vermittelt das Buch verständlich aufbereitete Informationen über Neurodivergenz, emotionale Selbstregulation und explosives Verhalten. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden nicht so präsentiert, dass man sich durch einen trockenen Fachtext kämpfen muss. Stattdessen bleibt der Bezug zum Familienalltag immer erhalten. Fallbeispiele, Übungen und praktische Anregungen helfen dabei, das Gelesene tatsächlich auf konkrete Situationen zu übertragen.
Und genau das macht für mich einen großen Teil der Stärke dieses Ratgebers aus. Man bekommt nicht lediglich erklärt, warum bestimmte Verhaltensweisen entstehen können, sondern auch Impulse dafür, wie Erwachsene damit umgehen können. Dabei wird weder das Kind zum Problem gemacht noch werden Eltern an den Pranger gestellt. Im Gegenteil: Auch die Erwachsenen dürfen müde, überfordert und ratlos sein.
Das fand ich besonders berührend. Denn wer ein Kind mit starken Gefühlsausbrüchen begleitet, kennt vermutlich diese Momente, in denen man selbst irgendwann nicht mehr weiß, was richtig ist. Man möchte helfen, verliert aber vielleicht selbst die Geduld. Anschließend kommen Schuldgefühle. „Hätte ich anders reagieren müssen?“ „War ich zu streng?“ „Warum bekomme ich das nicht besser hin?“ Genau aus diesem Teufelskreis möchte das Buch herausführen.
Dabei bedeutet Verständnis für mich nicht, dass plötzlich alles erlaubt ist. Grenzen und Orientierung bleiben wichtig. Der entscheidende Punkt ist vielmehr die Frage, wie Grenzen vermittelt werden und ob Erwachsene das Verhalten eines Kindes als bewusste Provokation interpretieren oder als Ausdruck einer Überforderung verstehen. Dieser Perspektivwechsel kann im Familienleben enorm viel verändern.
Sehr angenehm empfinde ich außerdem den wertschätzenden Blick auf neurodivergente Familien. Es geht nicht darum, ein Kind passend zu machen, sondern darum, seine Bedürfnisse besser zu verstehen und Unterstützung dort anzusetzen, wo sie tatsächlich gebraucht wird. Das macht „Der Vulkan in meinem Kind“ zu einem Ratgeber, der nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch emotional entlasten kann.
Das Vorwort von Melanie Klefeldt passt sehr gut dazu. Schon dort wird deutlich, dass dieses Buch nicht mit erhobenem Zeigefinger daherkommt, sondern eher wie eine verständnisvolle Begleitung durch Situationen, in denen Eltern und andere Bezugspersonen manchmal selbst nicht mehr weiterwissen.
Mein persönlicher Eindruck: „Der Vulkan in meinem Kind“ ist ein sehr menschlicher, fachlich fundierter und gleichzeitig alltagstauglicher Ratgeber für den Umgang mit ADHS und starken Gefühlsausbrüchen bei Kindern. Besonders wertvoll finde ich die Kombination aus wissenschaftlichem Hintergrund, konkreten Beispielen und der klaren Botschaft, dass hinter einem schwierigen Verhalten immer auch ein Bedürfnis, eine Überforderung oder eine noch nicht entwickelte Fähigkeit stehen kann.
Wer Kinder mit ADHS begleitet oder im Familienalltag immer wieder mit heftigen Wutausbrüchen, emotionaler Überforderung und schwierigen Situationen konfrontiert ist, kann aus diesem Buch viele neue Gedanken mitnehmen. Vor allem aber vermittelt es etwas, das im stressigen Alltag schnell verloren geht: Verständnis.
Und manchmal ist genau das der erste Schritt, damit aus einem scheinbar unkontrollierbaren „Vulkan“ wieder ein Kind wird, das sich gesehen, verstanden und sicher fühlt.
- Herausgeber : Kösel-Verlag
- Erscheinungstermin : 26. August 2026
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 320 Seiten
- ISBN-10 : 3466312612
- ISBN-13 : 978-3466312610
- Originaltitel : Raising Attention.A guide for parents and carers of children and young people with ADHD and explosive behaviour
- Abmessungen : 13.5 x 2.9 x 21.6 cm
