
Wenn Literatur nach Pulverdampf riechen und gleichzeitig nach frisch gebackenem Landbrot schmecken kann, dann ist es Die 23 Tage der Stadt Alba: Erzählungen von Beppe Fenoglio. Dieses schmale Oktavheft ist kein trockenes Geschichtsbuch, sondern eher wie ein schelmischer Zeitzeuge, der mit einem Augenzwinkern von einer der wildesten Episoden der italienischen Geschichte erzählt – und dabei nie vergisst, dass selbst im Chaos Platz für Humor ist.
Stell dir vor: Oktober 1944, irgendwo im nebligen Piemont. 2.000 Partisanen – eine bunte Truppe aus Idealisten, Improvisationstalenten und gelegentlichen Chaos-Experten – beschließen, die Stadt Alba einzunehmen. Und tatsächlich gelingt ihnen dieses Husarenstück! Für 23 Tage gehört die Stadt ihnen. 23 Tage! Das ist ungefähr so lange, wie manche Leute brauchen, um endlich einen Fitnessplan durchzuhalten – nur dass hier statt Hanteln Gewehre geschwungen werden. Doch dann kommt die Realität in Form einer faschistischen Übermacht, und der Traum von der freien Stadt endet schneller, als man „Resistenza“ sagen kann.
Was Fenoglios Erzählungen so besonders macht, ist ihr Ton. Er schreibt nicht wie ein heroischer Trommler, der den großen Sieg besingt, sondern eher wie ein trockener Beobachter, der weiß: Der Krieg ist oft absurd, die Menschen sind widersprüchlich, und selbst die tapfersten Kämpfer stolpern gelegentlich über ihre eigenen Ideale. Seine Partisanen diskutieren, streiten, zweifeln – manchmal mehr, als sie schießen. Und genau das macht sie so sympathisch: Sie sind keine strahlenden Helden aus Bronze, sondern Menschen aus Fleisch, Blut und gelegentlicher Verwirrung.
Dabei blitzt immer wieder ein feiner, fast burlesker Humor auf. Man hat das Gefühl, Fenoglio zwinkert dem Leser zu, als wolle er sagen: „Ja, es war ernst – aber manchmal auch herrlich schräg.“ Diese Mischung aus Nüchternheit und leiser Komik sorgt dafür, dass die Geschichten nie pathetisch wirken, sondern angenehm geerdet bleiben.
In der zweiten Hälfte des Buches wird es ruhiger – zumindest auf den ersten Blick. Der Krieg ist vorbei, aber der Frieden fühlt sich irgendwie unfertig an. Die bäuerliche Welt der Langhe, Fenoglios Heimat, wirkt wie eine Bühne, auf der die Figuren versuchen, wieder ein normales Leben zu spielen – und dabei feststellen, dass sie das Drehbuch verloren haben. Zwischen Weinbergen, staubigen Wegen und einfachen Häusern sucht man nach einem Neuanfang. Und auch hier zeigt Fenoglio sein Talent: Er beschreibt diese Nachkriegsverlorenheit so treffend, dass man fast den Wind über die Hügel streichen hört.
Die Übersetzung – an der unter anderem Edoardo Costadura beteiligt ist – fängt diesen besonderen Ton wunderbar ein. Sie bewahrt die leicht verfremdete Alltagssprache, mit der Fenoglio die Stimmen der Bauern und Partisanen lebendig macht. Das Ergebnis ist ein Text, der gleichzeitig literarisch und erstaunlich direkt wirkt – als würde dir jemand am Küchentisch seine Geschichten erzählen.
Am Ende bleibt ein Buch, das nicht laut sein muss, um Eindruck zu hinterlassen. Es ist klug, trocken, manchmal bitter – und immer wieder überraschend witzig. Ein kleines literarisches Denkmal für große Ereignisse, erzählt von jemandem, der mittendrin war und trotzdem genug Abstand hatte, um darüber zu schmunzeln.
- Herausgeber : Verlag Klaus Wagenbach GmbH
- Erscheinungstermin : 12. März 2026
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 192 Seiten
- ISBN-10 : 3803133882
- ISBN-13 : 978-3803133885
- Originaltitel : I ventitre giorni della cittàdi Alba
- Abmessungen : 20.9 x 1.7 x 12 cm
