Das Titelbild gibt die Spannung nicht so gut her, aber das Werk ist phantastisch. Genau diesen Gedanken hatte ich nach den ersten Seiten von „Mogadischu“ von Sandra Hoffmann. Ich hatte zunächst einen historischen Roman erwartet, der sich vor allem mit dem Deutschen Herbst und der Entführung der „Landshut“ beschäftigt. Bekommen habe ich aber etwas viel Persönlicheres: einen intensiven Familienroman über Verlust, Schweigen, Schuld, Erinnerungen und die Frage, wie sehr unausgesprochene Geschichten das Leben mehrerer Generationen prägen können.
Was mich an diesem Roman besonders gepackt hat, ist die Verbindung zwischen einem ganz persönlichen Familienschicksal und den großen politischen Ereignissen der deutschen Geschichte. Sandra Hoffmann schafft es, beides miteinander zu verweben, ohne dass die Geschichte dabei konstruiert wirkt. Im Mittelpunkt steht Fritzi, die 1977 gerade einmal elf Jahre alt ist. Während eines Italienurlaubs verschwinden ihre Mutter und ihr fünfjähriger Bruder Kornelius spurlos. Zurück bleiben Fritzi und ihr Vater – und vor allem jede Menge Fragen.
Ich konnte mich beim Lesen sehr gut in dieses Mädchen hineinversetzen. Wenn ein Kind mit einem solchen Verlust konfrontiert wird und niemand eine vernünftige Erklärung liefert, beginnt es zwangsläufig, sich selbst eine Geschichte zusammenzubauen. Genau das tut Fritzi. Sie beobachtet, hört Andeutungen, nimmt Blicke wahr und versucht, aus den Nachrichten im Fernsehen einen Zusammenhang zu finden.
Und dann ist da der Deutsche Herbst 1977.
Fahndungsplakate, Sondersendungen, die politische Gewalt, die RAF und schließlich die Entführung der „Landshut“ nach Mogadischu – all diese Ereignisse bilden den Hintergrund für Fritzis ganz persönliche Suche nach einer Erklärung. Was ich dabei unglaublich gelungen fand: Für das Mädchen verschwimmen private und politische Wirklichkeit immer mehr miteinander. Wenn die Welt draußen von Entführungen, Gewalt und Angst spricht, versucht Fritzi darin eine Erklärung für das eigene Familiendrama zu finden.
Das ist psychologisch sehr eindringlich erzählt.
Denn eigentlich geht es gar nicht nur darum, herauszufinden, was damals passiert ist. Es geht vielmehr darum, was ein Mensch aus einem ungeklärten Verlust macht. Wie verändert sich ein Kind, wenn es keine Antworten bekommt? Was passiert mit einer Familie, wenn über das Entscheidende nicht gesprochen wird? Und wie lange können Geheimnisse und Schweigen weiterwirken?
Diese Fragen haben mich beim Lesen immer wieder beschäftigt.
Besonders interessant fand ich deshalb den Zeitsprung. 47 Jahre später ist aus Fritzi Friederike geworden, eine erwachsene Frau und Innenarchitektin. Kornelius ist inzwischen gestorben, und Friederike begegnet zum ersten Mal seinem Sohn Tim. Dieser junge Mann ist zwanzig Jahre alt und engagiert sich bei der Letzten Generation.
Damit öffnet Sandra Hoffmann eine zweite Ebene des Romans. Plötzlich treffen nicht nur zwei Generationen aufeinander, sondern auch zwei sehr unterschiedliche Gegenwarten. Friederike trägt ihre Vergangenheit mit sich herum, während Tim für eine ganz andere gesellschaftliche und politische Realität steht. Trotzdem verbindet die beiden etwas, das viel stärker ist, als es zunächst scheint: eine Familiengeschichte, die von Dingen geprägt wurde, über die viel zu lange geschwiegen wurde.
Gerade die Beziehung zwischen Friederike und Tim hat mir sehr gut gefallen. Sie entwickelt sich nicht plötzlich zu einer harmonischen Familienbeziehung. Vielmehr ist da zunächst Unsicherheit, Fremdheit und Vorsicht. Zwei Menschen müssen sich kennenlernen und gleichzeitig mit einer Vergangenheit umgehen, die keiner von beiden vollständig kennt.
Diese vorsichtige Annäherung empfand ich als ausgesprochen glaubwürdig.
„Mogadischu“ ist für mich deshalb kein Roman, den man einfach nur schnell wegliest. Ich habe beim Lesen immer wieder innegehalten, weil bestimmte Situationen nachwirken. Es geht um das, was Familien zerstören kann, ohne dass es laut wird. Nicht jeder Konflikt wird ausgesprochen. Nicht jede Verletzung wird erklärt. Und manchmal wird aus Schweigen über Jahrzehnte eine Art Familienerbe.
Besonders stark fand ich die Darstellung von Fritzi beziehungsweise Friederike. Sie ist keine Figur, die man einfach in „stark“ oder „schwach“ einordnen kann. Ihre Persönlichkeit ist durch das geprägt, was sie erlebt und nicht verstanden hat. Gerade dadurch wirkt sie menschlich und glaubwürdig.
Auch der historische Hintergrund hat mir sehr gefallen. Der Deutsche Herbst wird nicht einfach als Geschichtsstunde abgehandelt, sondern aus der Perspektive eines Kindes und einer Familie erlebbar gemacht. Die Entführung der „Landshut“ und die Ereignisse in Mogadischu sind dabei nicht nur historische Eckdaten. Sie werden Teil von Fritzis persönlicher Wahrnehmung und ihrer verzweifelten Suche nach einem Zusammenhang.
Ich finde, genau darin liegt die große Stärke dieses Romans: Geschichte wird persönlich.
Man liest nicht nur über den Deutschen Herbst, sondern erlebt, wie politische Ereignisse auf Menschen wirken können, die eigentlich gar nichts mit den großen Entscheidungen und Konflikten zu tun haben. Gleichzeitig zeigt der Roman, dass private Schicksale manchmal genauso schwer zu verstehen und zu verarbeiten sind wie die großen historischen Ereignisse.
Der Schreibstil von Sandra Hoffmann hat mir dabei sehr gut gefallen. Er ist intensiv, ohne ständig dramatisch sein zu müssen. Vieles wird eher angedeutet als erklärt. Gerade das passt hervorragend zum Thema des Romans. Denn auch die Figuren selbst wissen vieles nicht oder können es nicht aussprechen. Als Leser wird man dadurch immer wieder zum Mitdenken und Interpretieren gebracht.
Und dann ist da noch die aktuelle Ebene mit Tim und seinem Engagement für den Klimaschutz. Ich fand es spannend, dass der Roman damit eine Brücke von den Ereignissen des Jahres 1977 in die Gegenwart schlägt. Die politischen Themen haben sich verändert, aber die Frage bleibt: Was treibt junge Menschen dazu, für ihre Überzeugungen einzustehen? Und wie gehen ältere Generationen damit um?
Dadurch fühlt sich „Mogadischu“ erstaunlich aktuell an, obwohl ein großer Teil der Geschichte in den 1970er-Jahren spielt.
Mein Fazit: „Mogadischu“ von Sandra Hoffmann hat mich deutlich stärker berührt, als ich nach dem ersten Eindruck erwartet hatte. Es ist ein kluger, atmosphärischer und emotionaler Familienroman, der das persönliche Schicksal einer Familie mit einem wichtigen Kapitel deutscher Geschichte verbindet.
Besonders beeindruckt hat mich, wie Sandra Hoffmann zeigt, dass Vergangenheit niemals wirklich abgeschlossen sein muss, nur weil Jahrzehnte vergangen sind. Dinge, über die nicht gesprochen wurde, können weiterwirken – in Beziehungen, in Erinnerungen und manchmal sogar in der nächsten Generation.
Für mich ist dieser Roman deshalb gleichzeitig Familiengeschichte, historischer Roman und Gegenwartsroman. Er erzählt vom Deutschen Herbst und Mogadischu, aber vor allem erzählt er von Menschen, die versuchen, mit Verlust und ungeklärten Fragen weiterzuleben.
Ich habe das Buch mit dem Gefühl beendet, dass es nicht nur eine Geschichte über das gibt, was damals passiert ist, sondern vor allem über das, was danach passiert – und was Schweigen mit einer Familie machen kann.
Eine klare Leseempfehlung für alle, die anspruchsvolle Familienromane mögen und sich gleichzeitig für deutsche Zeitgeschichte, den Deutschen Herbst, Mogadischu und die gesellschaftlichen Debatten unserer Gegenwart interessieren. Ein leiser, intensiver und stellenweise sehr bewegender Roman, der bei mir noch lange nach dem Zuklappen nachgewirkt hat.
- Herausgeber : Berlin Verlag
- Erscheinungstermin : 4. September 2026
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 240 Seiten
- ISBN-10 : 3827015456
- ISBN-13 : 978-3827015457
- Abmessungen : 12.8 x 2.9 x 21 cm
