/ September 6, 2026/ Buch

Der Titel beschreibt dabei ziemlich treffend, worum es geht: wieder Boden unter den Füßen zu bekommen, wenn sich innerlich gerade alles unsicher, chaotisch oder überwältigend anfühlt.

Was mir an diesem Buch besonders gefallen hat, ist die sehr praktische Ausrichtung. Es geht nicht darum, Stress und traumatische Erfahrungen nur theoretisch zu erklären. Natürlich bekommt man wichtige Hintergrundinformationen darüber, wie Belastungen auf Körper und Psyche wirken können. Im Mittelpunkt stehen aber vor allem die zahlreichen Übungen, mit denen man lernen kann, sich wieder stärker im Hier und Jetzt zu verankern.

Gerade dieser Gedanke des Grounding, also der bewussten Rückkehr in die Gegenwart, hat mich beim Lesen besonders angesprochen. Wenn Menschen stark unter Stress stehen oder traumatische Erfahrungen gemacht haben, kann sich die eigene Wahrnehmung manchmal weit vom aktuellen Moment entfernen. Gedanken kreisen, Gefühle werden überwältigend oder der eigene Körper fühlt sich plötzlich fremd und schwer erreichbar an. In solchen Situationen hilft es wenig, einfach zu sagen: „Beruhige dich.“ Man braucht konkrete Möglichkeiten, die tatsächlich umsetzbar sind.

Genau hier setzt dieses Buch an.

Die 58 Übungen zur Stabilisierung nach Stress und Trauma sind für mich die große Stärke des Buches. Sie sind unterschiedlich aufgebaut und lassen sich dadurch je nach Situation einsetzen. Manche Übungen sind sehr einfach und können ohne große Vorbereitung in den Alltag integriert werden. Andere laden dazu ein, sich etwas intensiver mit der eigenen Wahrnehmung und dem eigenen Körper auseinanderzusetzen.

Ich mochte besonders, dass die Übungen nicht den Eindruck vermitteln, man müsse etwas „richtig“ machen. Vielmehr geht es darum, herauszufinden, was einem persönlich guttut und in einer belastenden Situation tatsächlich hilft. Das empfinde ich als sehr wertvoll, denn jeder Mensch reagiert anders auf Stress und schwierige Erfahrungen.

Auch die Verbindung von Körper, Wahrnehmung und Nervensystem fand ich sehr gelungen. Gerade wenn man sich mit Trauma beschäftigt, wird schnell deutlich, dass Belastungen nicht ausschließlich im Kopf stattfinden. Der Körper reagiert mit und kann sich beispielsweise in Anspannung, Unruhe, Erstarrung oder einem Gefühl von Überforderung bemerkbar machen. Deshalb finde ich es sinnvoll, dass die Stabilisierung nicht nur über Gedanken und Gespräche erfolgt, sondern auch über Wahrnehmung, Bewegung und konkrete körperorientierte Übungen.

Beim Lesen hatte ich häufig den Eindruck, dass hier nicht versucht wird, den Leser mit komplizierten Fachbegriffen zu beeindrucken. Stattdessen wird verständlich vermittelt, warum bestimmte Stabilisierungstechniken sinnvoll sein können und wie man sie anwenden kann.

Besonders interessant finde ich, dass die Übungen ursprünglich von vielen Menschen aus einer Online-Selbsthilfegruppe erprobt wurden. Dadurch entsteht für mich eine ganz andere Nähe zur Praxis. Es handelt sich nicht einfach um theoretische Übungen, die irgendwo auf dem Papier gut aussehen, sondern um Methoden, die von vielen Menschen ausprobiert und als hilfreich bewertet wurden.

Das macht das Buch für mich auch als Nachschlagewerk interessant. Man kann es lesen, muss es aber nicht zwingend von vorne bis hinten durcharbeiten. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, bestimmte Übungen zu markieren und später gezielt wieder aufzuschlagen. Gerade in belastenden Situationen ist es hilfreich, nicht erst lange nach der passenden Methode suchen zu müssen.

Sehr positiv empfand ich außerdem die achtsame Grundhaltung des Buches. Bei Stress und Trauma geht es nicht darum, sich selbst noch mehr Druck zu machen. Man muss nicht innerhalb kürzester Zeit wieder „funktionieren“. Viel wichtiger ist es, Sicherheit und Stabilität aufzubauen und die eigenen Grenzen wahrzunehmen.

Dieser Ansatz gefällt mir ausgesprochen gut.

Denn gerade Menschen, die über längere Zeit unter hoher Belastung stehen, kennen wahrscheinlich das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen. Das Buch setzt dem etwas entgegen: erst einmal wieder ankommen, wahrnehmen, was gerade passiert, und einen Umgang damit entwickeln.

Ich finde außerdem gelungen, dass „Zurück auf festem Boden“ nicht ausschließlich für Betroffene interessant ist. Auch Fachkräfte aus Therapie, Medizin und Beratung können die Übungen nutzen und individuell anpassen. Dadurch lässt sich das Buch sowohl zur persönlichen Stabilisierung als auch im professionellen Kontext einsetzen.

Für mich ist das ein weiterer Pluspunkt, weil dadurch unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen. Menschen, die selbst unter den Folgen von Stress oder traumatischen Erfahrungen leiden, finden konkrete Übungen. Gleichzeitig bekommen Fachkräfte ein praktisches Instrumentarium an die Hand, das sich in der therapeutischen oder beratenden Arbeit ergänzend einsetzen lässt.

Was mir beim Lesen besonders hängen geblieben ist, ist der Gedanke der Selbstwirksamkeit. In schwierigen Lebensphasen kann leicht das Gefühl entstehen, den eigenen Reaktionen völlig ausgeliefert zu sein. Kleine Übungen, die dabei helfen, die Aufmerksamkeit wieder ins Hier und Jetzt zu bringen oder den eigenen Körper bewusster wahrzunehmen, können dagegen vermitteln: Ich kann etwas tun. Ich bin nicht vollkommen hilflos.

Und genau das empfinde ich als eine der wichtigsten Botschaften dieses Buches.

Dabei möchte ich ausdrücklich sagen: Die Übungen können eine wertvolle Unterstützung sein, ersetzen bei schweren traumatischen Belastungen aber keine professionelle Behandlung. Ich finde es gerade deshalb angenehm, dass das Buch nicht den Eindruck vermittelt, mit ein paar Übungen ließen sich tiefgreifende psychische Belastungen einfach wegmachen. Stabilisierung ist vielmehr ein wichtiger Bestandteil auf einem längeren Weg.

„Zurück auf festem Boden“ ist für mich deshalb kein typischer Ratgeber, den man einmal liest und anschließend ins Regal stellt. Ich sehe es eher als praktisches Begleitbuch, auf das man immer wieder zurückgreifen kann. Je nach Tagesform oder Situation kann eine andere Übung passend sein.

Die Sprache empfand ich als verständlich und angenehm. Das Buch nimmt die Leserinnen und Leser ernst, ohne unnötig kompliziert zu werden. Gerade bei einem Thema wie Trauma ist das für mich wichtig, denn man möchte sich beim Lesen nicht zusätzlich mit schwer verständlicher Fachsprache auseinandersetzen.

Mein Fazit: „Zurück auf festem Boden“ von Michaela Huber und Martina Pacino-Huber ist ein sehr wertvolles und praxisnahes Buch über Stabilisierung nach Stress und Trauma. Die 58 Grounding- und Stabilisierungsübungen bieten konkrete Möglichkeiten, wieder stärker im Hier und Jetzt anzukommen, die eigene Wahrnehmung zu verbessern und einen achtsameren Umgang mit sich selbst zu entwickeln.

Besonders gut gefällt mir die Kombination aus verständlichen Erklärungen und direkt umsetzbaren Übungen. Dadurch bleibt das Buch nicht bei der Theorie stehen, sondern wird zu einem echten Arbeits- und Begleitbuch.

Wer sich mit Traumafolgen, Stress, innerer Überforderung, Grounding, Nervensystem und Stabilisierung beschäftigt, sollte dieses Buch meiner Meinung nach kennen. Auch für Therapeutinnen und Therapeuten, Beratende und andere Fachkräfte kann es eine interessante Ergänzung sein.

Für mich ist die zentrale Botschaft des Buches gleichzeitig eine sehr tröstliche: Man muss nicht sofort alles lösen. Manchmal besteht der erste wichtige Schritt einfach darin, wieder auf festem Boden anzukommen, den gegenwärtigen Moment wahrzunehmen und ein Stück Sicherheit zurückzugewinnen.

Eine klare Empfehlung für alle, die nach praktischen, verständlichen und achtsamen Übungen zur Stabilisierung suchen. Ein Buch, das nicht mit großen Versprechen arbeitet, sondern konkrete Unterstützung für schwierige Momente anbietet – und genau dadurch seine Stärke entfaltet.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Junfermann Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 15. August 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 128 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3749507341
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3749507344
  • Abmessungen ‏ : ‎ 23.8 x 0.7 x 16.7 cm

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*
*