/ August 16, 2026/ Buch

Ein Roman über das Leben, das manchmal ganz anders beginnt

Was bleibt am Ende eines Lebens? Diese Frage hat mich beim Lesen von Arno Geigers Reise nach Laredo immer wieder begleitet. Und je weiter ich in diese außergewöhnliche Geschichte eingetaucht bin, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass dieses Buch nicht einfach nur eine Reise erzählt, sondern eine viel größere: eine Reise zurück zum Leben.

Karl hat vieles erlebt. Er war mächtig, angesehen und reich. Doch nun ist davon nicht mehr viel übrig. Krank und geschwächt hat er sich in ein abgelegenes Kloster in Spanien zurückgezogen und wartet dort auf sein Ende. Eigentlich scheint seine Geschichte bereits geschrieben zu sein. Ein Mensch, der am Ende seines Lebens angekommen ist und nichts mehr zu erwarten hat.

Und dann kommt Geronimo.

Der elfjährige Junge bringt etwas in Karls Leben, das dieser längst verloren geglaubt hat: Neugier, Leichtigkeit und den Mut, einfach aufzubrechen. Gemeinsam verlassen sie das Kloster und machen sich nachts auf Pferd und Maulesel auf den Weg nach Laredo. Was zunächst wie eine letzte Flucht wirkt, entwickelt sich zu einer abenteuerlichen Reise, auf der Karl noch einmal ganz neu zu sich selbst findet.

Genau diese Entwicklung hat mich besonders berührt.

Denn Karl muss erkennen, dass all das, was sein bisheriges Leben bestimmt hat – Macht, Ruhm und Reichtum – letztlich nicht das ist, was einen Menschen glücklich macht. Es sind die Begegnungen, die kleinen Momente, das Lachen, die Freundschaft und die Nähe zu einem anderen Menschen, die plötzlich eine Bedeutung bekommen, die er vorher nicht erkannt hat.

„In jedem Menschen steckt ein zurückgetretener König.“ Dieser Satz passt für mich wunderbar zu diesem Roman. Karl muss seinen alten Platz, seine Rolle und sein bisheriges Selbstverständnis hinter sich lassen, um etwas zu entdecken, das viel wertvoller ist.

Auf dem Weg nach Laredo begegnen die beiden unterschiedlichen Menschen und geraten in immer neue Abenteuer. Dabei besitzt die Geschichte etwas Märchenhaftes und Magisches. Realität und Fantasie gehen ineinander über, ohne dass es künstlich wirkt. Vielmehr entsteht eine ganz eigene Welt, in der plötzlich Dinge möglich werden, die im wirklichen Leben vielleicht längst verloren scheinen.

Was mir besonders gefallen hat, ist die außergewöhnliche Freundschaft zwischen Karl und Geronimo. Zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, finden zueinander. Der alte, vom Leben gezeichnete Mann und der junge, neugierige Junge brauchen einander – und gerade daraus entsteht etwas Wunderschönes.

Geronimo zeigt Karl, wie man wieder staunt. Wie man im Augenblick lebt. Wie man loslässt, ohne ständig darüber nachzudenken, was morgen sein könnte.

Und Karl gibt Geronimo etwas anderes: Erfahrung, Geschichten und vielleicht auch das Gefühl, dass man manchmal jemanden braucht, der einen ein Stück des Weges begleitet.

Ich habe dieses Buch deshalb nicht nur als Abenteuerroman gelesen. Für mich steckt darin eine sehr berührende Botschaft über das Älterwerden, über Abschied und darüber, was wir Menschen im Laufe unseres Lebens manchmal vergessen: Wir können noch so viel besitzen – am Ende sind es die Menschen und die gemeinsam erlebten Augenblicke, die bleiben.

Arno Geiger erzählt diese Geschichte dabei mit einer wunderschönen, bildhaften Sprache. Es gibt melancholische Momente, aber auch viel Wärme, Humor und Leichtigkeit. Gerade diese Mischung hat mich überzeugt. Das Buch macht traurig, ohne bedrückend zu sein, und es macht Hoffnung, ohne kitschig zu werden.

Reise nach Laredo ist für mich eine Geschichte über das Loslassen – aber gleichzeitig auch über das Festhalten an dem, was wirklich wichtig ist. Über Freundschaft, Liebe, Freiheit und die Möglichkeit, selbst dann noch einmal etwas Neues zu entdecken, wenn man eigentlich glaubt, dass es dafür längst zu spät ist.

Mein Fazit: Ein ungewöhnlicher, magischer und sehr gefühlvoller Roman, der mich an vielen Stellen nachdenklich gemacht hat. Die Reise nach Laredo ist dabei nicht nur eine Reise zu einem bestimmten Ort, sondern eine Reise zu den Dingen, die einem Menschen am Ende wirklich etwas bedeuten.

Ein Buch, das leise beginnt, immer mehr an Tiefe gewinnt und mich mit dem schönen Gefühl zurückgelassen hat, dass es niemals zu spät ist, noch einmal aufzubrechen.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 19. August 2024
  • Auflage ‏ : ‎ 6.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3446281185
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3446281189
  • Abmessungen ‏ : ‎ 13.5 x 2.5 x 20.8 cm

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