/ August 14, 2026/ Buch

Schon der Titel „Was wir uns versprechen“ von Camille Laurens hat mich neugierig gemacht. Was versprechen wir einander eigentlich, wenn wir uns verlieben? Nähe, Vertrauen, Treue, ein gemeinsames Leben? Und wie viel davon bleibt übrig, wenn sich hinter der vermeintlich großen Liebe plötzlich eine Wahrheit verbirgt, mit der niemand gerechnet hat?

Claire geht eigentlich nur widerwillig zu einer Silvesterparty. Eine Freundin hat sie überredet, mitzukommen. Dann begegnet sie Gilles – und innerhalb eines Augenblicks ist alles anders. Ein klassischer „coup de foudre“, eine Begegnung, die sich wie Schicksal anfühlt. Es ist diese besondere Art von Verliebtheit, bei der plötzlich alles Sinn zu ergeben scheint und der andere Mensch innerhalb kürzester Zeit zum Mittelpunkt des eigenen Lebens wird.

Zunächst scheint Claire genau das gefunden zu haben, wonach sich viele Menschen sehnen: Liebe, Leidenschaft, Zärtlichkeit und Geborgenheit. Gilles und Claire werden zu einem Paar, das von außen glücklich wirkt und um das andere sie beneiden. Doch Camille Laurens belässt es nicht bei der romantischen Oberfläche. Ganz langsam beginnt sie, Risse in dieses vermeintliche Glück zu zeichnen.

Aus Nähe wird Eifersucht. Aus Leidenschaft wird Abhängigkeit. Aus Vertrauen entstehen Zweifel. Und irgendwann stellt sich die entscheidende Frage: Wie gut kennen wir den Menschen, den wir lieben, wirklich?

Genau diese Frage hat mich beim Lesen besonders beschäftigt. Denn die große Stärke dieses Romans liegt für mich darin, dass er nicht einfach eine Liebesgeschichte erzählt. Er seziert die Liebe. Er schaut dorthin, wo es unangenehm wird – zu Besitzansprüchen, Abhängigkeit, Selbsttäuschung und der Sehnsucht nach einem Menschen, der vielleicht niemals so existiert hat, wie wir ihn sehen wollten.

Claire glaubt, Gilles zu kennen. Sie glaubt, seine Gefühle, seine Reaktionen und seine Liebe zu verstehen. Doch nach und nach verändert sich ihr Blick. Was zunächst wie eine normale Beziehungskrise erscheint, bekommt eine immer bedrohlichere Dimension. Eine folgenschwere Auseinandersetzung bringt Dinge ans Licht, die Claire nicht mehr verdrängen kann.

Und dann kommt dieser Moment, in dem man als Leserin oder Leser selbst innehält: Wer ist dieser Mann eigentlich?

Camille Laurens gelingt es dabei hervorragend, Spannung nicht nur durch dramatische Ereignisse entstehen zu lassen, sondern vor allem durch psychologische Unsicherheit. Man liest weiter, weil man verstehen möchte, was hinter der Beziehung steckt. Gleichzeitig wächst das ungute Gefühl, dass etwas ganz und gar nicht stimmt.

Besonders beeindruckend fand ich den doppelbödigen Erzählstil. Der Roman ist fesselnd, aber niemals plump. Er kann scharf, intelligent und sogar überraschend humorvoll sein, obwohl sich hinter der Geschichte eine zutiefst verstörende Wahrheit verbirgt. Gerade diese Mischung macht „Was wir uns versprechen“ so besonders.

Auch die Auseinandersetzung mit dem Narzissmus unserer Gegenwart verleiht dem Roman eine zusätzliche Ebene. Laurens erzählt nicht nur von Claire und Gilles, sondern stellt größere Fragen: Wie sehr konstruieren wir unsere eigene Identität? Wie sehr wollen wir geliebt und bewundert werden? Und was passiert, wenn unser Bild von uns selbst und unsere Darstellung nach außen wichtiger werden als die Wahrheit?

Dabei ist die Liebe keineswegs nur romantischer Kitsch. Sie kann Halt geben, aber ebenso verletzlich machen. Sie kann Menschen zusammenführen, aber auch ihre dunkelsten Seiten hervorbringen. Und manchmal erkennen wir erst viel zu spät, dass wir nicht den Menschen geliebt haben, der tatsächlich vor uns stand, sondern das Bild, das wir uns von ihm gemacht haben.

„Was wir uns versprechen“ hat mich deshalb nicht einfach nur unterhalten – der Roman hat mich beschäftigt. Besonders diese stille, zunehmende Beklemmung bleibt im Gedächtnis. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto weniger kann man sich darauf verlassen, dass Liebe tatsächlich das ist, was sie zu sein scheint.

Camille Laurens schreibt klug, pointiert und mit einer bemerkenswerten psychologischen Genauigkeit. Sie schafft es, eine Liebesgeschichte zu erzählen und gleichzeitig die Erwartungen an eine solche Geschichte immer wieder zu durchbrechen.

Mein Fazit: Ein intensiver, ungewöhnlicher und erschütternder Roman über Liebe, Verblendung, Abhängigkeit und die gefährliche Grenze zwischen dem Menschen, den wir lieben, und dem Menschen, der tatsächlich vor uns steht.

Ein Buch für alle, die bei einem Roman nicht nur mitfühlen, sondern auch hinter die Oberfläche schauen möchten. „Was wir uns versprechen“ ist eine Geschichte, die mit einem Verliebtsein beginnt – und mit einer Wahrheit endet, die man so schnell nicht wieder vergisst.

  • Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 16. Juli 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 368 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3423285818
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423285810
  • Originaltitel ‏ : ‎ Ta Promesse
  • Abmessungen ‏ : ‎ 12.8 x 3.45 x 21 cm

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