/ April 26, 2023/ Rehabilitation

Persönliche Zukunftsplanung ist eine Methode, bei der Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam planen, wie sie ihr Leben in verschiedenen Bereichen gestalten möchten. Dabei steht die betreffende Person im Mittelpunkt und gestaltet den Planungsprozess aktiv mit. Sie entscheidet, wer als Unterstützer*in zu den Planungstreffen eingeladen wird, z.B. wichtige Personen aus dem persönlichen Umfeld oder Professionelle aus verschiedenen Lebensbereichen. Gemeinsam werden Ideen und Wege entwickelt, um Ziele zu erreichen, z.B. die Suche nach einem Praktikums- oder Arbeitsplatz oder eine Veränderung der Wohnsituation.

Diese Methoden sind im englischsprachigen nordamerikanischen Raum entstanden, um Menschen mit Lernschwierigkeiten ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Inzwischen sind sie auch im deutschsprachigen Raum bekannt und werden insbesondere bei der Gestaltung inklusiver Settings eingesetzt. Dabei geht es darum, dass alle Menschen unabhängig von ihren individuellen Eigenschaften und Fähigkeiten gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

Prof. Dr. Stefan Doose ist ein erfahrener Lehrer und Experte für Sozial- und Heilpädagogik. Er arbeitet hauptberuflich an einer Fachschule in Schleswig-Holstein und ist auch als Honorarprofessor für Integration und Inklusion an der Fachhochschule Potsdam tätig. Während seines Master-Studiums in den USA im Jahr 1994/1995 lernte er die Ideen und Methoden der Persönlichen Zukunftsplanung kennen und hat seitdem maßgeblich zu deren Verbreitung im deutschsprachigen Raum beigetragen.

Das Buch, das hier rezensiert wird, ist die 11. überarbeitete und erweiterte Neuausgabe eines Werkes, das vor 24 Jahren erstmals veröffentlicht wurde. Im Laufe der Jahre wurden zahlreiche Ergänzungen und Erweiterungen vorgenommen, um die Erfahrungen aus der Praxis einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Zum Beispiel wurde im Rahmen eines europäischen Projektes ein Curriculum für eine Weiterbildung in Persönlicher Zukunftsplanung entwickelt und in die 10. Überarbeitung des Buches eingeflossen. In den letzten Jahren haben sich die Methoden, Zielsetzungen und Zielgruppen der Persönlichen Zukunftsplanung kontinuierlich weiterentwickelt, auch im Rahmen eines neuen europäischen Projektes mit dem Titel „New Path to InclUsion Network“. Weitere Ansätze wie die Sozialraumorientierung, die personen- und sozialraumorientierte Organisationsentwicklung sowie die Positive Psychologie haben die konzeptionellen Grundlagen der Persönlichen Zukunftsplanung ergänzt und erweitert. Prof. Dr. Stefan Doose beschreibt im Vorwort zur aktuellen Ausgabe die Persönliche Zukunftsplanung als ein offenes Puzzle ohne Rand, bei dem immer wieder neue Teile hinzukommen, die gut zueinander passen und sich ergänzen. Er fand, es sei an der Zeit gewesen, die Impulse der letzten 10 Jahre in das Buch „I want my dream“ einzuarbeiten, was zu einem völlig neu überarbeiteten Text- und Materialteil geführt hat.

„I want my dream“ ist ein Buch im Ringbuchformat mit festem Cover und A4-Größe. Es besteht aus zwei Teilen: einem Textteil und einem Materialteil, die durch ein farbiges Trennblatt mit dem Coverbild getrennt sind. Das Buch ist wahrscheinlich im A4-Format gehalten, um Platz für die umfangreichen Materialien im zweiten Teil zu bieten, die als Kopiervorlagen verwendet werden können.

Im ersten Teil des Buches erklärt Stefan Doose die theoretischen Grundlagen der Persönlichen Zukunftsplanung und wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelt hat. Er beschreibt auch die Auswirkungen dieser Konzepte und stellt einige ausgewählte Einzelmethoden sowie drei Planungsformate der Persönlichen Zukunftsplanung vor. Der Textteil des Buches ist 140 Seiten lang und enthält ein separates Inhaltsverzeichnis am Anfang, um den Lesern einen Überblick zu geben.

In dieser Neuausgabe des Buches gibt es nach einem Vorwort mehrere Texte, die die Entstehung, Entwicklung und Grundsätze der Persönlichen Zukunftsplanung vorstellen und in einen historischen und politischen Kontext einordnen. Das Konzept der Persönlichen Zukunftsplanung hat seinen Ursprung in verschiedenen personenzentrierten Planungsansätzen, die sich seit den 1970er Jahren in Nordamerika entwickelt haben und sich ab den 1990er Jahren in Deutschland verbreiteten. Stefan Doose beschreibt den politischen Kontext, in dem die Persönliche Zukunftsplanung entstanden ist, und bezieht sich insbesondere auf das Eintreten für Inklusion und den Kampf gegen die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung. Er betrachtet die amerikanische Behindertenrechtsbewegung, das Antidiskriminierungsgesetz, die Veränderungen in der deutschen Behindertenpolitik und die People-First-/Mensch-zuerst-Bewegung im Zusammenhang mit dem Ziel der Inklusion. Dabei folgt er den Überlegungen von John O’Brien, der als wichtiger Impulsgeber für die Persönliche Zukunftsplanung gilt und benennt fünf Dimensionen wertschätzender Erfahrungen von Inklusion, die als Leitlinien für die Persönliche Zukunftsplanung dienen können. Stefan Doose beschreibt auch die drei Seiten der Medaille der Persönlichen Zukunftsplanung, nämlich Personenorientierung, Sozialraumorientierung und Beziehungsorientierung, in einem eigenen Kapitel näher (S.15-19).

Zukunftsplanung, die er als „Zutaten“ bezeichnet. Er betont, dass es wichtig ist, sich bewusst zu werden, was ein gutes und passendes Leben ausmacht, um Ziele formulieren zu können. Hierbei bezieht er sich auf die Befriedigung von Grundbedürfnissen wie körperliche Integrität, Geborgenheit oder existenzielle Sicherheit, sowie das „Fit-Prinzip“ nach Remo Largo, das besagt, dass man sich seiner eigenen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Wertvorstellungen bewusst werden sollte, um ein für sich passendes Leben zu gestalten.

Doose findet auch die Unterscheidung von zwei Zukunftsqualitäten nach Stefan Brotbeck hilfreich, um verschiedene Perspektiven auf die mögliche Zukunft zu verdeutlichen. Dabei bezeichnet „Futurum“ eine geplante Zukunft, die auf der Vergangenheit basiert und sich daraus entwickelt, während „Adventus“ die Zukunft bezeichnet, die aus der Zukunft auf uns zukommt. Er betont, dass beide Qualitäten der Zukunft in der Gegenwart zusammenkommen.

Da die Persönliche Zukunftsplanung Veränderungsprozesse anstoßen und strukturieren möchte, stellt Doose zudem die „Theorie U“ von Otto Scharmer vor. Diese besagt, dass die Herausforderungen der Zukunft nicht durch die Fortschreibung der Vergangenheit gelöst werden können, sondern dass es darum geht, das höchste Zukunftspotenzial in die Gegenwart zu bringen. Die Haltung der handelnden Personen spielt dabei eine entscheidende Rolle. Doose verknüpft die Überlegungen zum U-Prozessverlauf und seinen Bedingungen mit jenen von John O’Brien zur Persönlichen Zukunftsplanung, die das Erkennen von Stärken und Ressourcen, aktives und einfühlsames Zuhören sowie eine wertschätzende und verständliche Sprache betonen.

Zum Abschluss berichtet Doose noch vom Lin-Yutang-Modell nach Volker Bugdahl, das von dem Zusammenwirken von Wirklichkeit, Träumen und Humor bei der Suche nach Problemlösungen ausgeht.

Im folgenden Kapitel vergleicht Stefan Doose verschiedene Planungsverfahren in der deutschen Sozial- und Behindertenhilfe mit dem Konzept der Persönlichen Zukunftsplanung. Er betrachtet auch die neu hinzugekommenen Teilhabe- und Gesamtplanung aufgrund von Änderungen im SGB IX und der Einführung des Bundesteilhabegesetzes. Dabei stellt er dar, welche Qualitätskriterien für eine gute Teilhabe-, Hilfe- und Gesamtplanung wichtig sind und wo Ansätze der Persönlichen Zukunftsplanung in diesen Verfahren verwendet werden könnten. Doose betont, dass Persönliche Zukunftsplanung auf einer veränderten Sichtweise basiert, die sich nicht nur in anderen Instrumenten und Methoden der Planung zeigt, sondern vor allem in anderen Sichtweisen und Haltungen der Beteiligten.

Im zweiten großen Abschnitt des Textteils geht es um die praktische Umsetzung der Persönlichen Zukunftsplanung oder personenorientierten Planung. Stefan Doose stellt in einem Kapitel 13 verschiedene kleine Einzelmethoden bzw. Instrumente vor, die thematisch sortiert sind und ausführlich beschrieben werden. Diese Methoden umfassen unter anderem die Erkundung des Lebensstils und bisherigen Lebensweges, die Identifikation von Zielen und Träumen, die Betrachtung von Stärken, wichtigen Menschen und Orten, sowie die Gestaltung von Kommunikation und Entscheidungsfindung. Es wird auch auf die Reflexion des Plans und dessen Umsetzung eingegangen. Der Autor betont, dass dieses Kapitel im Vergleich zur vorherigen Ausgabe völlig überarbeitet und erweitert wurde. Es gibt auch weitere thematische Impulse, wie beispielsweise zur gemeinsamen Kommunikation und zur Zielformulierung, die in die Darstellung einfließen. Stefan Doose verweist zudem auf bereits erschienene Materialien zur Persönlichen Zukunftsplanung.

Im nächsten Kapitel widmet sich der Autor den Unterstützerinnenkreisen, die ein zentraler Ort sind, an dem die Persönliche Zukunftsplanung gemeinsam entworfen wird. Er beschreibt, wie sich diese Kreise zusammensetzen und wie die Auswahl der Unterstützerinnen erfolgt. Es werden auch die Aufgaben und Rollen der Unterstützerinnen sowie die zu beachtenden Aspekte bei der Moderation erläutert. Dabei wird betont, dass die Hauptperson der oder die bestimmende Akteurin bleibt, also diejenige Person, um die es in der Zukunftsplanung geht.

Anschließend erläutert Stefan Doose in einem weiteren Kapitel die großen Gesamtmethoden oder Planungsformate der Persönlichen Zukunftsplanung. Dazu gehören unter anderem die persönliche Lagebesprechung nach Helen Sanderson, die eine personenorientierte Alternative zu Hilfe- oder Teilhabeplanung bietet. Auch das Format MAPS (Making Action Plans) von Marscha Forrest und Jack Pearpoint aus den USA wird vorgestellt. Dabei werden die Geschichte, Gaben, Träume und Albträume der Hauptperson erkundet, um Bedingungen und Schritte zu identifizieren, die notwendig sind, damit die Hauptperson ihre Gaben bestmöglich in die Gemeinschaft einbringen kann. MAPS umfasst insgesamt 6 Schritte. Eine weitere Planungsmethode ist PATH (Planning Alternatives Tomorrows with Hope), die Anfang der 1990er Jahre von Jack Pearpoint, John O’Brien und Marscha Forrest entwickelt wurde. Es handelt sich um einen 8-stufigen Planungsprozess, bei dem es unter anderem um den Nordstern, die Werte und Ziele der Hauptperson geht, um am Ende konkrete Schritte zur Realisierung der Zukunftsvision zu identifizieren, mit denen die Unterstützer*innen sofort beginnen können, um den Umsetzungsprozess zu starten.

Im letzten Teil des Textes geht es um einen Ausblick. Stefan Doose beschreibt, welche Auswirkungen die Anwendung von Persönlicher Zukunftsplanung haben kann. Er erwähnt Veränderungen in den Rollen der Fachleute, in Organisationen und im System der Behindertenhilfe.

Danach beschreibt Doose die Entwicklung von Persönlicher Zukunftsplanung im deutschsprachigen Raum.

Am Ende des Textteils gibt es ein Verzeichnis der erklärten Methoden, eine Liste von Abbildungen und ein Literaturverzeichnis.

Der Materialteil des Buches ist wie eine eigene Broschüre gestaltet und wird gemeinsam von Stefan Doose und Carolin Emrich herausgegeben. Er hat ein farbiges Deckblatt und beginnt mit einer neuen Seitennummerierung. Vor ihm gibt es ein eigenes Inhaltsverzeichnis und ein Vorwort.

Im Materialteil gibt es viele Arbeitsblätter sowie inhaltliche Impulse und Texte, die von verschiedenen Personen und aus unterschiedlichen Kontexten stammen, und jeweils gekennzeichnet sind. Es gibt insgesamt 54 Materialien, darunter auch Instrumente und Methoden, die bereits im Textteil vorgestellt wurden, wie zum Beispiel die Planungsformate MAPS und PATH, die hier nochmals und ausführlicher präsentiert werden.

Der Materialteil soll eher als ein Instrumentenkoffer oder eine Schatzkiste verstanden werden, aus der man die passenden Materialien und Anregungen auswählen kann. Stefan Doose und Carolin Emrich betonen jedoch in ihrem Vorwort, dass Persönliche Zukunftsplanung auch ohne all diese Arbeitsblätter funktioniert. Viel wichtiger sei die Haltung, mit der man Menschen und ihren Zukunftsplänen begegne, und die Fragen, die man (sich) in den Planungsprozessen stelle. (S. 3 Materialteil)

„I want my dream“ ist ein bekannter Klassiker, der dazu einlädt, die Methoden der Persönlichen Zukunftsplanung in verschiedenen Kontexten auszuprobieren. Das Buch enthält klare Anleitungen und praktische Materialien, die sofort verwendet werden können. Es werden auch Beispiele aus der Praxis gezeigt, um einen lebendigen Eindruck von den Möglichkeiten der Umsetzung zu vermitteln, wie zum Beispiel die Eröffnung neuer Möglichkeitsräume durch unterstützende Kommunikation.

Der Autor stellt die Methoden der Persönlichen Zukunftsplanung in einen konzeptionellen Rahmen und zeigt Bezüge zu anderen Konzepten aus der Sozialen Arbeit, der Inklusionspädagogik und der Positiven Psychologie auf. Der Text wird durch Zitate, Bilder und Abbildungen aufgelockert, und die Gliederung des Buches verdeutlicht das Bild eines wachsenden Puzzles, das für die Persönliche Zukunftsplanung gewählt wurde.

Im Materialteil des Buches gibt es zahlreiche Kopiervorlagen, die einen sofortigen Einstieg ermöglichen, ohne dass technische Hürden überwunden werden müssen. Allerdings wirken diese Materialien auch etwas veraltet und es wird angeregt, für zukünftige Neuauflagen digitale Unterstützungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel eine App, in Betracht zu ziehen, um die Persönliche Zukunftsplanung weiterzuentwickeln und den Planungsprozess zu erleichtern.

Der Autor, Stefan Doose, hat nicht alle Materialien selbst entwickelt, sondern stellt eine Sammlung von in der Praxis erprobten Materialien aus unterschiedlichen Quellen zur Verfügung. Er ist Teil eines großen Netzwerks, das gemeinsam die Methoden weiterentwickelt und in der Praxis verbreitet. Das Buch lädt dazu ein, Teil dieses Netzwerks zu werden.

Stefan Doose zeigt in seinem Buch, wie Professionalisierung in der Arbeit mit Menschen mit Unterstützungsbedarf durch eine Kultur des Mitwirkens, gemeinsamen Weiterentwickelns und Geschichtenteilens erreicht werden kann. Persönliche Zukunftsplanung ermöglicht Selbstbestimmung und Teilhabe und zielt auf Veränderungsprozesse auf individueller, organisatorischer und gesellschaftlicher Ebene ab.

Das Buch und die Methoden der Persönlichen Zukunftsplanung sind für verschiedene Zielgruppen interessant, wie Menschen mit und ohne Behinderung und ihre Unterstützer*innen, Menschen, die nach längerer Krankheit wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen möchten, Eltern in der Elternzeit, junge Menschen im Übergang von der Schule zum Arbeitsleben, Menschen mit Fluchterfahrung und soziale Organisationen, die sich weiterentwickeln möchten. Es richtet sich an alle, die sich für personenzentrierte Planungsprozesse interessieren, unabhängig von ihrer beruflichen oder persönlichen Hintergründe.

Das Buch „I want my dream“ ist erstaunlicherweise auch 24 Jahre nach seiner ersten Auflage immer noch aktuell und hat aufgrund der großen Nachfrage bereits die 11. Neuauflage erreicht. Es gilt als Klassiker und Standardwerk für das Thema Persönliche Zukunftsplanung. Das Besondere an dem Buch ist, dass es theoretische und konzeptionelle Grundlagen mit praktischen Anleitungen und Hinweisen zur Umsetzung verknüpft. Es enthält zudem eine umfangreiche Materialsammlung.

Das Buch betrachtet das Thema Persönliche Zukunftsplanung aus einem positiv-empathischen Blickwinkel und legt den Fokus auf das Möglichmachen von Entwicklungen durch gemeinsame, wertschätzende Planung und Unterstützung. Es richtet sich an alle, die sich für personenzentrierte Planungsprozesse interessieren, egal ob sie professionell oder ehrenamtlich in diesem Bereich tätig sind. Es ist somit für eine breite Zielgruppe von Interesse.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Verein zur Förderung der sozialpolitischen Arbeit; 11., aktualisierte Edition (1. Mai 2020)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 255 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3945959438
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3945959435
  • Abmessungen ‏ : ‎ 23.1 x 3 x 30.7 cm

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