/ August 11, 2026/ Buch

Es gibt Bilderbücher, die man gemeinsam mit einem Kind liest und danach einfach zuklappt. Und dann gibt es Bücher, bei denen man noch eine Weile still dasitzt, weil eine Geschichte etwas im eigenen Herzen berührt hat. „Kiki und ich“ von Leo Timmers gehört für mich ganz eindeutig zur zweiten Sorte. Obwohl die Geschichte auf den ersten Blick ganz einfach beginnt, steckt in ihr eine Tiefe, die mich beim Lesen überrascht und berührt hat.

Eines Morgens bekommt die kleine Kiki von ihrem Vater ein Pferd. Allein dieser Moment hat etwas Wunderschönes. Ein Kind bekommt etwas, von dem es vermutlich nicht einmal zu träumen gewagt hat – und plötzlich ist da dieses große Glück. Kiki kann ihr Glück kaum fassen. Und auch als Leserin oder Leser kann man sich dieser Freude nur schwer entziehen.

Doch das eigentliche Geschenk ist nicht das Pferd.

Es ist die Beziehung, die zwischen Kiki und ihrer Stute entsteht.

Man spürt sehr schnell, dass es hier nicht einfach um ein Mädchen und ein Tier geht. Zwischen den beiden wächst eine tiefe Verbundenheit. Sie verbringen Zeit miteinander, lernen sich kennen und werden zu einem festen Bestandteil im Leben der jeweils anderen. Das Pferd wird für Kiki zu einer Freundin, vielleicht sogar zu einer Art Wegbegleiterin durch ihre Kindheit.

Genau das hat mich besonders berührt.

Denn wer selbst einmal eine intensive Verbindung zu einem Tier erlebt hat, weiß, dass diese Beziehung etwas ganz Besonderes sein kann. Tiere hören uns zu, ohne zu urteilen. Sie sind da, wenn wir glücklich sind, und ebenso, wenn es uns nicht gut geht. Gerade für Kinder können Tiere wichtige Begleiter sein, mit denen sie Erfahrungen machen, Verantwortung übernehmen und Gefühle teilen.

Leo Timmers erzählt diese Verbindung mit einer bemerkenswerten Ruhe. Er braucht keine komplizierte Handlung und keine großen dramatischen Ereignisse. Die Gefühle zwischen Kiki und ihrem Pferd tragen die Geschichte.

Und dann passiert etwas, das gleichzeitig wunderschön und schmerzhaft ist:

Kiki wird größer.

Dieser einfache Satz hat beim Lesen bei mir nachgehallt. Denn Großwerden bedeutet eben nicht nur, neue Dinge zu lernen und immer selbstständiger zu werden. Großwerden bedeutet auch, dass sich Dinge verändern, die man am liebsten für immer behalten würde.

Kiki verändert sich. Ihr Leben verändert sich. Und damit verändert sich auch ihre Beziehung zu ihrem Pferd.

Hier wird „Kiki und ich“ zu einer Geschichte über das Loslassen.

Und genau an diesem Punkt hat mich das Buch besonders tief erreicht. Denn Loslassen gehört zu den schwierigsten Erfahrungen im Leben. Wir wissen, dass nichts für immer bleibt, und trotzdem wünschen wir uns manchmal genau das. Wir möchten Menschen, Tiere, Orte und Lebensabschnitte festhalten, weil sie uns glücklich machen.

Doch das Leben geht weiter.

Kiki muss lernen, dass eine Freundschaft nicht wertlos wird, nur weil sich etwas verändert. Im Gegenteil: Manche Beziehungen bleiben in unserem Herzen, auch wenn sie irgendwann eine andere Form annehmen.

Diese Botschaft finde ich gerade für Kinder unglaublich wertvoll.

Das Buch vermittelt nicht mit erhobenem Zeigefinger, dass man loslassen muss. Es lässt die Gefühle einfach entstehen. Freude, Nähe, Geborgenheit, Veränderung und vielleicht auch ein wenig Wehmut. Dadurch können Kinder ihre eigenen Erfahrungen darin wiederfinden.

Aber auch Erwachsene werden vermutlich an die eine oder andere Situation aus ihrem eigenen Leben erinnert.

Ich musste beim Lesen an all die Dinge denken, von denen wir einmal geglaubt haben, sie würden für immer zu uns gehören. An Freundschaften aus der Kindheit, an geliebte Tiere, an besondere Orte oder an Lebensabschnitte, von denen wir uns irgendwann verabschieden mussten.

Manche Abschiede tun weh.

Und trotzdem bedeuten sie nicht, dass das, was vorher war, weniger wichtig gewesen ist.

Genau dieses Gefühl vermittelt „Kiki und ich“ für mich auf besonders schöne Weise.

Leo Timmers ist dabei nicht nur Autor, sondern auch Illustrator. Seine Bilder ergänzen die Geschichte ganz wunderbar. Sie geben Kikis Gefühlen Raum und machen die Verbindung zwischen dem Mädchen und ihrem Pferd sichtbar. Gerade bei einem Bilderbuch ist das entscheidend: Die Bilder erzählen nicht einfach das nach, was im Text steht, sondern lassen zusätzliche Emotionen entstehen.

Besonders schön finde ich, dass die Geschichte nicht versucht, das Leben künstlich zu beschönigen. Freundschaft bedeutet Nähe, aber auch Veränderung. Kindheit bedeutet Glück, aber auch Abschied. Und Erwachsenwerden bedeutet manchmal, Dinge loszulassen, obwohl man sie noch liebt.

Das klingt vielleicht traurig.

Aber für mich ist die Botschaft des Buches letztlich eine sehr tröstliche.

Loslassen bedeutet nicht vergessen.

Eine Freundschaft kann einen Menschen prägen, auch wenn sie irgendwann nicht mehr so weitergeführt werden kann wie früher. Die gemeinsamen Erlebnisse bleiben. Die Liebe bleibt. Und manchmal bleibt sogar etwas von dem anderen in uns selbst.

Mein Fazit

„Kiki und ich“ von Leo Timmers ist für mich ein außergewöhnlich berührendes Bilderbuch über Freundschaft, Verbundenheit, Großwerden und Loslassen.

Die Geschichte zeigt mit wenigen Worten und starken Bildern, wie tief die Beziehung zwischen einem Kind und einem Tier sein kann. Sie erzählt von dem überwältigenden Glück, einen besonderen Freund zu finden, aber auch von der schmerzhaften Erkenntnis, dass sich das Leben verändert.

Mich hat besonders berührt, dass das Buch Kindern nicht einfach eine heile Welt verspricht. Stattdessen vermittelt es eine viel wertvollere Botschaft: Es ist in Ordnung, traurig über Veränderungen zu sein. Und es ist möglich, etwas loszulassen, ohne die Liebe dazu zu verlieren.

Für mich ist „Kiki und ich“ deshalb nicht nur ein schönes Kinderbuch. Es ist eine kleine Geschichte über eine große Wahrheit des Lebens.

Wir wachsen.

Menschen wachsen.

Tiere begleiten uns ein Stück.

Und manchmal müssen wir uns von etwas verabschieden, das wir von Herzen lieben.

Doch das, was uns miteinander verbunden hat, verschwindet nicht einfach.

Es bleibt als Erinnerung, als Gefühl und als Teil unserer eigenen Geschichte.

Ein wunderschönes, warmherziges und emotionales Buch für Kinder und Erwachsene – und eines dieser Bücher, bei denen man nach dem Lesen vielleicht ein wenig länger blättert, bevor man es endgültig zuklappt.

  • Herausgeber ‏ : ‎ aracari
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 1. Februar 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 68 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3907114418
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3907114414
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 3 Jahren
  • Originaltitel ‏ : ‎ Kiki & ik
  • Abmessungen ‏ : ‎ 27.1 x 1.1 x 30.3 cm

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