
Manchmal liest man eine Familiengeschichte und merkt erst nach und nach, dass sie eigentlich viel mehr erzählt als nur das Leben einzelner Menschen. Genau dieses Gefühl hatte ich bei „Ich bin ein Glanz“ von Carin Abicht. Die Geschichte von Mathilde und ihrer Tochter Johanna hat mich besonders deshalb beschäftigt, weil sie zwei Generationen miteinander verbindet, die auf ganz unterschiedliche Weise nach Freiheit suchen. Während Mathilde in den 1960er-Jahren davon träumt, mit den Regeln der alten Gesellschaft zu brechen, muss Johanna Jahrzehnte später herausfinden, was von diesen großen Träumen eigentlich geblieben ist – und welchen Preis sie selbst dafür bezahlt hat.
Mathilde ist jung, schön und voller Vorstellungen davon, wie ein anderes Leben aussehen könnte. Gemeinsam mit vier Studenten gründet sie in Hamburg eine Wohngemeinschaft. Besitz, traditionelle Treue und die klassische Vorstellung von Familie sollen abgeschafft werden. Stattdessen stehen freie Liebe, Kunst, Gemeinschaft und Revolution im Mittelpunkt. Es ist die Zeit, in der vieles möglich erscheint und eine junge Generation davon überzeugt ist, die gesellschaftlichen Regeln ihrer Eltern hinter sich lassen zu können.
Ich fand diesen Ausgangspunkt ausgesprochen spannend, weil die 1960er- und 1970er-Jahre heute oft mit einem gewissen romantischen Glanz betrachtet werden. Die Studentenbewegung, alternative Lebensformen, sexuelle Freiheit und der Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung gehören zum Bild dieser Zeit. Carin Abicht schaut jedoch genauer hin. Sie zeigt nicht nur die aufregende Seite dieser Lebensentwürfe, sondern fragt auch danach, was passiert, wenn aus großen Idealen irgendwann ganz normales Leben wird.
1967 wird Johanna geboren – als „Gemeinschaftskind“ einer Generation, die glaubt, Familie neu erfinden zu können. Und genau hier wurde die Geschichte für mich besonders interessant. Denn während Mathilde ihre Freiheit sucht, wächst Johanna in einer Welt auf, die von den Entscheidungen ihrer Mutter geprägt wird. Sie hat nicht darum gebeten, Teil dieses gesellschaftlichen Experiments zu sein. Sie muss mit den Folgen leben.
Dieser Perspektivwechsel hat mich beim Lesen immer wieder beschäftigt.
Was für die Eltern Befreiung bedeutet, kann für die Kinder manchmal Unsicherheit sein. Was die eine Generation als mutigen Aufbruch erlebt, kann die nächste Generation als fehlende Orientierung empfinden. Und genau zwischen diesen beiden Sichtweisen bewegt sich „Ich bin ein Glanz“.
Fünfzig Jahre später blickt Johanna auf ihr Leben zurück. Die Männer, die einst Teil der Gemeinschaft waren, sind verschwunden. Mathilde ist älter geworden. Die großen Vorstellungen von einer völlig neuen Gesellschaft haben ihre Selbstverständlichkeit verloren. Und Johanna steht vor der Frage, was von all dem eigentlich geblieben ist.
Gerade diese zeitliche Distanz hat mir sehr gefallen. Der Roman verklärt die Vergangenheit nicht, macht sie aber auch nicht schlecht. Stattdessen schaut Carin Abicht mit einer Mischung aus Witz, Zärtlichkeit und präziser Ironie auf eine Generation, die vieles verändern wollte und dabei selbst nicht immer wusste, wohin die Reise gehen sollte.
Besonders berührt hat mich die Beziehung zwischen Johanna und ihrer Mutter. Sie ist nicht einfach von Liebe oder Ablehnung geprägt. Vielmehr scheint zwischen den beiden eine ganze Lebensgeschichte zu stehen. Johanna muss nicht nur ihre eigene Identität finden, sondern gleichzeitig verstehen, wer ihre Mutter eigentlich war und warum sie ihr Leben so geführt hat.
Das fand ich sehr menschlich.
Denn irgendwann beginnen viele Menschen, die eigene Kindheit und die eigenen Eltern aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Man erkennt plötzlich, dass Eltern nicht nur Eltern sind. Sie waren selbst einmal jung, hatten Träume, Ängste, Fehler und Vorstellungen von einem glücklichen Leben. Und manchmal wird erst im Erwachsenenalter verständlich, warum sie bestimmte Entscheidungen getroffen haben.
Johannas Blick auf Mathilde ist deshalb für mich einer der emotionalsten Aspekte des Romans.
Gleichzeitig stellt das Buch eine interessante Frage nach dem Erbe einer Generation. Dabei geht es nicht um Geld oder Besitz, sondern um Vorstellungen, Werte und Lebensentwürfe. Was geben Eltern ihren Kindern mit, wenn sie versuchen, die Welt völlig neu zu gestalten? Und was passiert, wenn die Kinder irgendwann feststellen, dass sie mit diesen Idealen gar nicht so selbstverständlich leben können?
Johanna trägt gewissermaßen die Träume ihrer Mutter mit sich herum. Sie muss entscheiden, welche davon sie behalten möchte und welche sie loslassen muss.
Der Titel „Ich bin ein Glanz“ hat für mich dadurch eine besondere Wirkung bekommen. Er klingt zunächst selbstbewusst, vielleicht sogar ein wenig übermütig. Im Zusammenhang mit der Geschichte bekommt er jedoch mehrere Ebenen. Es geht um Jugend, Selbstentwurf, die Sehnsucht nach einem besonderen Leben und gleichzeitig um die Erkenntnis, dass Glanz vergänglich ist.
Carin Abicht erzählt diese Entwicklung nicht pathetisch. Gerade die ironischen und humorvollen Momente haben mir gefallen, weil sie verhindern, dass die Geschichte zu schwer wird. Gleichzeitig bleibt immer eine gewisse Melancholie spürbar. Die Zeit vergeht, Menschen verändern sich, Beziehungen zerbrechen und frühere Überzeugungen verlieren ihre Kraft.
Besonders gelungen finde ich deshalb die Verbindung von Familiengeschichte und Zeitgeschichte. „Ich bin ein Glanz“ erzählt von der Hamburger WG-Szene und den alternativen Lebensvorstellungen der 1960er-Jahre, aber gleichzeitig von einer ganz persönlichen Mutter-Tochter-Beziehung. Die großen gesellschaftlichen Veränderungen werden nicht abstrakt erklärt, sondern über Menschen erfahrbar gemacht.
Und genau dadurch wirkt der Roman für mich so nahbar.
Ich habe mich beim Lesen immer wieder gefragt, wie viel von den Idealen vergangener Generationen tatsächlich weiterlebt. Die Vorstellung von Freiheit, Gleichberechtigung und einem selbstbestimmten Leben ist heute selbstverständlich Teil gesellschaftlicher Debatten. Doch die Umsetzung im privaten Leben ist etwas völlig anderes.
Vielleicht ist das die eigentliche Stärke dieses Romans: Er zeigt, dass jede Generation ihre eigenen Antworten auf die großen Fragen des Lebens finden muss.
Mein Fazit
„Ich bin ein Glanz“ von Carin Abicht ist für mich eine berührende, humorvolle und zugleich nachdenkliche Familiengeschichte über eine Generation, die alles anders machen wollte – und über eine Tochter, die Jahrzehnte später herausfinden muss, was diese Träume mit ihrem eigenen Leben gemacht haben.
Besonders gefallen haben mir die liebevoll gezeichnete Beziehung zwischen Mathilde und Johanna, die Einblicke in die alternative Lebenswelt der 1960er-Jahre, die Themen freie Liebe, Gemeinschaft und Selbstbestimmung sowie die Mischung aus Ironie, Wärme und Melancholie.
Für mich ist es vor allem ein Roman über Mütter und Töchter, über Generationenkonflikte, verflogene Ideale und die schwierige Suche nach dem eigenen Weg.
Manchmal müssen wir die Träume unserer Eltern erst verstehen, bevor wir entscheiden können, welche davon zu unseren eigenen werden.
Und vielleicht besteht Erwachsenwerden genau darin: nicht alles zu übernehmen, was uns mitgegeben wurde – aber auch nicht alles abzulehnen.
Ein kluger, warmherziger und wunderbar menschlicher Roman über den Glanz großer Träume und die Realität eines Lebens, das irgendwann seinen ganz eigenen Weg finden muss.
- Herausgeber : Morio Verlag
- Erscheinungstermin : 9. Februar 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 264 Seiten
- ISBN-10 : 3949749276
- ISBN-13 : 978-3949749278
- Abmessungen : 2 x 13.5 x 21 cm
