
Wer Hunde über viele Jahre begleitet, merkt irgendwann, dass man ihnen zwar sehr viel ansieht – und sie trotzdem immer wieder überraschen können. Ein kurzer Blick, eine Körperbewegung, ein plötzliches Erstarren oder eine kleine Veränderung im Abstand zu einem anderen Hund kann mehr bedeuten, als wir Menschen auf den ersten Blick erkennen. Genau deshalb hat mich „Abbruchsignale bei Hunden: Hemmen, Unterbrechen, Abbrechen“ von Thomas Bursch, Marion Pepper und dem Dogwatcher-Team sofort interessiert. Das Buch beschäftigt sich mit einem Bereich der Hundekommunikation, der im Alltag häufig falsch interpretiert wird: den sogenannten Abbruchsignalen.
Beim Lesen wurde mir schnell bewusst, wie leicht wir Menschen dazu neigen, das Verhalten eines Hundes aus unserer eigenen Perspektive zu beurteilen. Ein Hund unterbricht eine Situation, geht dazwischen oder zeigt ein bestimmtes Verhalten – und schon wird daraus schnell „aggressiv“, „dominant“ oder „provokant“. Genau mit solchen vorschnellen Bewertungen räumt dieses Buch auf. Es fordert dazu auf, genauer hinzusehen und das Verhalten eines Hundes zunächst einmal als Kommunikation zu verstehen.
Besonders spannend fand ich den wissenschaftlichen Ansatz des Dogwatcher-Teams aus Berlin. Statt ausschließlich auf theoretische Erklärungen zu setzen, wurden unterschiedliche Abbruchsignale in gemischten Hundegruppen beobachtet, dokumentiert und videografiert. Dadurch bekommt das Thema eine ganz andere Anschaulichkeit. Es geht nicht nur um die Frage, was ein Hund tut, sondern auch darum, in welchem Zusammenhang er es tut und welche Funktion sein Verhalten innerhalb der Gruppe haben kann.
Genau dieser Punkt hat mich beim Lesen immer wieder beschäftigt. Ein Verhalten lässt sich bei Hunden eben nicht isoliert betrachten. Körpersprache, Situation, beteiligte Hunde, Abstand und vorherige Interaktion spielen eine entscheidende Rolle. Ein Abbruchsignal kann beispielsweise dazu dienen, eine Situation zu beenden, eine Handlung zu hemmen oder einen anderen Hund auf ein bestimmtes Verhalten aufmerksam zu machen. Was für den Menschen vielleicht zunächst wie eine Auseinandersetzung aussieht, kann aus Sicht der Hunde eine ganz andere Bedeutung besitzen.
Für mich liegt darin eine der größten Stärken dieses Buches: Es bringt uns dazu, unsere menschliche Interpretation des Hundeverhaltens zu hinterfragen.
Gerade in der Hundeerziehung wird häufig davon gesprochen, dass ein Hund „etwas nicht darf“. Viel interessanter ist aber die Frage, was der Hund mit seinem Verhalten eigentlich mitteilen möchte. Wer Hundekommunikation verstehen will, muss lernen, genauer zu beobachten. Das Buch liefert dafür viele Anregungen und zeigt, dass gerade die kleinen Signale eine große Bedeutung haben können.
Sehr hilfreich empfand ich die Verbindung aus Text, Bildern und Filmen. Besonders bei einem Thema wie Körpersprache ist es schwierig, allein durch schriftliche Beschreibungen alle Feinheiten zu vermitteln. Bewegungen sind flüchtig und oft innerhalb von Sekunden wieder vorbei. Die zusätzliche KOSMOS-PLUS-App mit 59 exklusiven Filmen des Dogwatcher-Teams ist deshalb eine wirklich sinnvolle Ergänzung. Sie ermöglicht es, die beschriebenen Situationen nicht nur theoretisch zu verstehen, sondern auch visuell nachzuvollziehen.
Das hat für mich einen entscheidenden Vorteil: Man beginnt beim Lesen automatisch, die eigenen Hunde genauer zu beobachten. Plötzlich wirken kleine Unterbrechungen, Abstände oder Veränderungen in der Körpersprache nicht mehr wie nebensächliche Details. Man fragt sich eher: Was passiert gerade zwischen diesen Hunden? Was möchte einer von ihnen erreichen? Und warum reagiert der andere genau so?
Diese Art der Beobachtung kann meiner Meinung nach auch im Alltag einen großen Unterschied machen. Wer Abbruchsignale frühzeitig erkennt und richtig einordnet, kann möglicherweise Situationen besser einschätzen und rechtzeitig reagieren. Das betrifft Begegnungen auf Spaziergängen ebenso wie das Zusammenleben mehrerer Hunde oder Situationen auf einer Hundewiese.
Besonders positiv finde ich, dass das Buch nicht einfach eine neue Methode der Hundeerziehung präsentiert, die nach einem festen Schema funktioniert. Stattdessen steht das Verstehen von Hundeverhalten im Mittelpunkt. Und genau das halte ich für einen wichtigen Ansatz. Gute Kommunikation beginnt schließlich nicht damit, dass einer immer nur Befehle gibt, sondern damit, dass beide Seiten einander möglichst gut verstehen.
Auch die Frage, ob unterschiedliche Abbruchsignale tatsächlich unterschiedliche Bedeutungen haben, macht das Buch wissenschaftlich interessant. Die Beobachtungen des Dogwatcher-Teams zeigen, wie komplex soziale Kommunikation unter Hunden sein kann. Dabei wird deutlich, dass Hunde über ein erstaunlich differenziertes Repertoire verfügen, um Interaktionen zu beeinflussen, zu stoppen oder umzulenken.
Für mich ist „Abbruchsignale bei Hunden“ deshalb nicht nur ein Buch für Hundetrainer oder Verhaltensforscher. Es richtet sich ebenso an ganz normale Hundehalter, die ihren Vierbeiner besser verstehen möchten. Wer bereit ist, sich auf genaues Beobachten einzulassen, bekommt hier zahlreiche Denkanstöße für den täglichen Umgang mit seinem Hund.
Besonders empfehlenswert ist das Buch für Menschen, die sich mit Hundekörpersprache, Hundeverhalten, Hundeerziehung und Hundekommunikation beschäftigen. Aber auch erfahrene Hundehalter können profitieren, denn gerade wer glaubt, seinen Hund bereits gut zu kennen, entdeckt manchmal noch ganz neue Facetten.
Mein Fazit
„Abbruchsignale bei Hunden: Hemmen, Unterbrechen, Abbrechen“ ist für mich ein ausgesprochen interessantes und praxisnahes Buch über die Kommunikation zwischen Hunden. Thomas Bursch, Marion Pepper und das Dogwatcher-Team zeigen, dass Abbruchsignale keineswegs automatisch Aggression oder Provokation bedeuten müssen. Entscheidend ist der gesamte Zusammenhang, in dem ein Verhalten auftritt.
Besonders gelungen finde ich die Verbindung aus wissenschaftlicher Beobachtung, verständlicher Erklärung, Bildern und 59 exklusiven Filmen über die KOSMOS-PLUS-App. Dadurch wird das Buch anschaulich und lädt dazu ein, die eigenen Hunde mit anderen Augen zu betrachten.
Was ich aus der Lektüre vor allem mitnehme, ist ein einfacher, aber wichtiger Gedanke: Nicht jedes Verhalten muss sofort bewertet werden – manchmal sollte man zuerst beobachten und verstehen.
Wer seinen Hund wirklich besser kennenlernen möchte, sollte deshalb nicht nur darauf achten, was er tut, sondern auch darauf, was er damit sagen möchte. Genau dafür liefert dieses Buch wertvolle Impulse.
Eine klare Empfehlung für alle, die Hundeverhalten nicht nur kontrollieren, sondern wirklich verstehen möchten.
- Herausgeber : Kosmos
- Erscheinungstermin : 17. August 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 216 Seiten
- ISBN-10 : 3440163016
- ISBN-13 : 978-3440163016
