
Schon nach wenigen Seiten hatte ich bei „Abschiedssommer“ das Gefühl, dass dieser Sommer nicht so unbeschwert bleiben würde, wie er zunächst erscheint. Jochen Missfeldt nimmt mich mit an die Flensburger Förde des Jahres 1959 – an einen Ort voller Sommerlicht, Musik und jugendlicher Gefühle. Doch unter dieser scheinbaren Leichtigkeit liegt etwas, das sich nur langsam zu erkennen gibt. Je weiter ich gelesen habe, desto stärker wurde für mich spürbar, dass hier nicht nur von einem jungen Menschen und seiner ersten Liebe erzählt wird, sondern von einer Generation, die beginnt, die Schatten der eigenen Vergangenheit zu entdecken.
Die Geschichte führt nach Flensburg im Jahr 1959, vierzehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Mittelpunkt steht Gustav Hasse, ein junger Pianist, der seine Sommerferien auf einem Campingplatz an der Geltinger Bucht verbringt. Eigentlich könnte es eine unbeschwerte Zeit werden: Musik, Sommer, Meer und die Gedanken an Johanna, in die Gustav verliebt ist. Doch über dieser scheinbar leichten Geschichte liegt von Anfang an etwas Schweres.
Da ist zunächst die Ohrfeige, die Gustav Johanna aus Eifersucht gegeben hat. Eine einzelne Handlung, die für ihn zu einer persönlichen Schuldfrage wird. Was bedeutet Schuld überhaupt? Wann wird aus einem Moment ein Ereignis, das einen Menschen dauerhaft beschäftigt? Und kann man etwas wiedergutmachen, wenn man selbst noch gar nicht versteht, warum man so gehandelt hat?
Gerade diese Fragen haben mich beim Lesen besonders beschäftigt. Missfeldt erzählt nicht mit erhobenem Zeigefinger. Er lässt Gustav vielmehr langsam begreifen. Der junge Mann muss sich nicht nur mit seinen eigenen Gefühlen auseinandersetzen, sondern beginnt allmählich zu erkennen, dass auch die Welt der Erwachsenen von einer Vergangenheit geprägt ist, über die lange geschwiegen wurde.
Besonders eindringlich wird das durch Gustavs Kunstlehrer Gerhard Fritz Hensel. Hensels Schwester Hedwig ist mit Rudolf Höß verheiratet, dem Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz. Gustav weiß davon zunächst nichts. Gerade dieses Nichtwissen ist ein wichtiger Bestandteil des Romans. Denn das Jahr 1959 liegt zwar vierzehn Jahre nach dem Krieg, doch die Vergangenheit ist keineswegs verschwunden. Sie ist noch da – in Familien, Biografien, Beziehungen und im Schweigen der Menschen.
Beim Lesen hatte ich immer wieder den Eindruck, dass sich Gustav auf eine Reise begibt, ohne genau zu wissen, wohin sie führen wird. Aus der zunächst persönlichen Frage nach seiner eigenen Schuld entwickelt sich langsam eine viel größere Auseinandersetzung mit Verantwortung, Verdrängung und deutscher Vergangenheit.
Das hat den Roman für mich besonders interessant gemacht. „Abschiedssommer“ ist eben nicht nur eine Liebesgeschichte. Die Beziehung zwischen Gustav und Johanna bildet vielmehr einen emotionalen Ausgangspunkt, von dem aus sich immer größere Fragen entwickeln. Liebe, Eifersucht und Schuld stehen neben der Frage, wie eine junge Generation mit einer Vergangenheit umgehen soll, die sie selbst nicht verursacht hat und deren Ausmaß sie erst nach und nach begreift.
Sehr gefallen hat mir dabei die Sprache von Jochen Missfeldt. Der Roman wird als Geschichte mit „lakonischer Poesie“ beschrieben – und diese Bezeichnung passt für mich ausgesprochen gut. Die Sprache wirkt nicht überladen. Missfeldt muss seine Landschaften und Gefühle nicht mit großen Worten ausstellen. Vieles wird knapp, genau und mit einer gewissen Zurückhaltung erzählt.
Gerade dadurch bekommt die Landschaft an der Flensburger Förde eine besondere Bedeutung. Meer, Campingplatz, Sommer und norddeutsche Umgebung könnten eigentlich für Leichtigkeit und Freiheit stehen. Doch die Landschaft wird nie zur bloßen Urlaubskulisse. Sie steht immer auch im Zusammenhang mit den Menschen, die dort leben, und mit ihrer Geschichte.
Das empfand ich als eine der großen Stärken des Romans: Die Landschaft erzählt gewissermaßen mit. Der Sommer von 1959 ist nicht einfach nur schön. Er trägt die Spuren einer Zeit, die noch gar nicht wirklich vergangen ist.
Auch Gustav als Hauptfigur fand ich interessant, gerade weil er nicht als fertiger, souveräner Held dargestellt wird. Er ist jung, verliebt, eifersüchtig und manchmal unsicher. Er macht Fehler und muss lernen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Seine Entwicklung wirkt dadurch glaubwürdig. Man begleitet ihn dabei, wie aus persönlichen Irritationen langsam ein größeres Bewusstsein entsteht.
Besonders nachdenklich hat mich die Frage gemacht, wie unterschiedlich Schuld erlebt werden kann. Gustav empfindet Schuld wegen einer Ohrfeige. Gleichzeitig entdeckt er eine Welt, in der Menschen mit weitaus monströserer Verantwortung leben oder gelebt haben. Dadurch bekommt sein persönliches Schuldgefühl eine neue Dimension. Der Roman stellt nicht einfach beide Dinge gleich, sondern bringt sie miteinander in Beziehung und lässt den Leser darüber nachdenken, was Schuld eigentlich bedeutet.
„Abschiedssommer“ ist deshalb ein Roman, den ich nicht als schnelle Sommerlektüre bezeichnen würde, obwohl der Sommer und die Flensburger Förde eine zentrale Rolle spielen. Es ist vielmehr ein leiser Nachkriegsroman über Liebe, Schuld, Erinnerung und das allmähliche Begreifen einer verdrängten Vergangenheit.
Was mir besonders gefallen hat, ist, dass Jochen Missfeldt große historische Fragen nicht durch lange Erklärungen vermittelt. Stattdessen begegnen sie dem Leser über Menschen und Situationen. Genau dadurch wirken sie für mich umso stärker. Man liest über Gustav, Johanna und Hensel – und beginnt gleichzeitig über die Gesellschaft der Bundesrepublik im Jahr 1959 nachzudenken.
Mein Fazit
„Abschiedssommer“ von Jochen Missfeldt ist für mich ein außergewöhnlicher Roman über einen Sommer, der zunächst nach Jugend, Musik, Liebe und Freiheit klingt und sich nach und nach als Geschichte über Schuld und deutsche Vergangenheit entpuppt.
Besonders beeindruckt haben mich die ruhige Erzählweise, die präzise Sprache und die Verbindung von Flensburger Landschaft, persönlicher Entwicklung und historischer Erinnerung. Die lakonische Poesie des Romans passt hervorragend zu seinem Thema: Nichts wird unnötig dramatisiert, und gerade dadurch bekommen die leisen Momente Gewicht.
Wer literarische Romane über die deutsche Nachkriegszeit, Schuld, Erinnerung, Liebe und gesellschaftliches Schweigen mag, sollte sich auf diesen „Abschiedssommer“ einlassen.
Für mich bleibt vor allem das Bild eines Sommers zurück, der mehr verändert, als sein junger Protagonist zunächst ahnt. Ein Sommer zwischen Meer und Vergangenheit, zwischen erster Liebe und Schuld – und zwischen dem, was man weiß, und dem, was man erst noch begreifen muss.
Ein stiller, eindringlicher und sprachlich besonderer Roman, der zeigt, dass Geschichte nicht einfach endet, nur weil ein Krieg vorbei ist.
- Herausgeber : dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
- Erscheinungstermin : 16. Juli 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 240 Seiten
- ISBN-10 : 3423285737
- ISBN-13 : 978-3423285735
- Abmessungen : 11.8 x 2.7 x 19.5 cm
