/ August 11, 2026/ Buch

Wann ist man eigentlich gut genug? Diese Frage kam mir beim Lesen von „Unperfekt und Unbezahlbar“ von Dyumata Mandy Diepold immer wieder in den Sinn. Denn wie oft versuchen wir, noch ein bisschen besser, erfolgreicher, organisierter, gelassener oder glücklicher zu werden? Wir setzen uns Ziele, arbeiten an uns, vergleichen uns mit anderen und suchen nach der nächsten Methode, die uns endlich dorthin bringen soll, wo wir glauben, längst sein zu müssen. Und irgendwann stellt sich die vielleicht unbequemste Frage: Was wäre, wenn wir gar nicht kaputt oder unvollständig sind und uns deshalb auch nicht ständig reparieren müssen?

Genau hier setzt dieses besondere Buch an. „Unperfekt und Unbezahlbar“ richtet sich an Menschen, die genug vom permanenten Selbstoptimierungsdruck haben und sich nach mehr innerer Klarheit, Selbstannahme und einem authentischen Leben sehnen. Was mir dabei besonders gefallen hat: Die Autorin präsentiert keine weitere Anleitung zum perfekten Leben. Ganz im Gegenteil. Sie lädt dazu ein, den Gedanken loszulassen, dass wir erst nach einer erfolgreichen Veränderung unseres Lebens wertvoll genug sind.

Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, dass hier ein vertrautes Muster auf den Kopf gestellt wird. Viele Ratgeber vermitteln – manchmal bewusst, manchmal ganz nebenbei – die Botschaft: Du kannst noch mehr aus dir machen. Noch gesünder leben, noch bewusster handeln, noch produktiver sein, noch achtsamer werden. Dyumata Mandy Diepold fragt dagegen, was passiert, wenn wir diesen inneren Wettbewerb einfach einmal verlassen.

Das empfand ich als ausgesprochen wohltuend.

Besonders interessant ist, dass die Autorin nicht aus einer rein theoretischen Perspektive schreibt. Sie kennt das Hamsterrad der Selbstoptimierung aus eigener Erfahrung. Nach einer erfolgreichen Karriere mit Führungsverantwortung entschied sie sich bewusst dafür, den bisherigen Weg des ständigen „Mehr“ zu hinterfragen und neue Prioritäten zu setzen. Diese persönliche Erfahrung gibt ihren Gedanken eine zusätzliche Glaubwürdigkeit. Es geht nicht darum, von außen zu erklären, wie andere Menschen leben sollten, sondern darum, Erfahrungen und Impulse weiterzugeben.

Sehr angesprochen hat mich die Auseinandersetzung mit dem Selbstwert unabhängig von Leistung. Gerade dieser Zusammenhang ist im Alltag oft stärker, als wir wahrhaben möchten. Wir freuen uns über Anerkennung, gute Leistungen und Erfolge – und das ist natürlich menschlich. Problematisch wird es dort, wo unser gesamtes Gefühl für den eigenen Wert daran hängt.

Dann wird aus einem Erfolg schnell eine Verpflichtung: Wenn ich das geschafft habe, muss ich beim nächsten Mal noch besser sein. Wenn andere mich dafür loben, möchte ich diese Anerkennung wieder bekommen. Und wenn etwas nicht gelingt, entsteht schnell der Gedanke, selbst nicht zu genügen.

„Unperfekt und Unbezahlbar“ setzt genau an diesem Punkt an und macht Mut, den eigenen Wert nicht ständig an äußeren Maßstäben festzumachen.

Dabei gefällt mir besonders, dass das Buch nicht mit schwerem moralischem Ernst daherkommt. Humor, Leichtigkeit und Tiefgang gehören hier zusammen. Das macht die Lektüre angenehm und verhindert, dass die Beschäftigung mit Selbstannahme selbst wieder zu einer neuen Aufgabe wird. Denn auch das wäre schließlich eine paradoxe Form der Selbstoptimierung: Man könnte sich sogar noch dafür unter Druck setzen, endlich richtig gut im Loslassen zu sein.

Die Autorin nimmt auch den Bereich der spirituellen Entwicklung kritisch unter die Lupe. Der Untertitel spricht bewusst von „spirituellem Glitzer“ – und genau diese Formulierung zeigt bereits, dass hier nicht jede vermeintlich tiefgründige Lebensweisheit unkritisch übernommen wird. Statt schöner Versprechen und idealisierter Vorstellungen geht es um eine ehrlichere Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben.

Das fand ich erfrischend.

Denn persönliche Entwicklung muss nicht bedeuten, ständig an sich herumzuarbeiten. Sie kann auch bedeuten, genauer hinzuschauen: Welche Erwartungen habe ich übernommen? Welche Rollen spiele ich? Wo passe ich mich an, obwohl es mir eigentlich nicht entspricht? Und welche Entscheidungen treffe ich vielleicht nur deshalb, weil ich glaube, anderen etwas beweisen zu müssen?

Gerade der Gedanke der Authentizität zieht sich für mich wie ein roter Faden durch das Buch. Es geht darum, wieder einen Zugang zu dem zu finden, was tatsächlich zu einem selbst gehört – jenseits von Erwartungen, Rollenbildern und dem ständigen Vergleich mit anderen.

Dabei ist „Unperfekt und Unbezahlbar“ kein Buch, das dem Leser vorschreibt, wie sein Leben künftig auszusehen hat. Vielmehr gibt es Denkanstöße und lädt zur eigenen Auseinandersetzung ein. Das macht die Lektüre angenehm offen. Man kann einzelne Gedanken mitnehmen, sich an ihnen reiben, ihnen widersprechen oder feststellen, dass ein bestimmter Satz gerade genau zur eigenen Lebenssituation passt.

Besonders schön fand ich deshalb, dass das Buch nicht den Eindruck vermittelt, man müsse am Ende ein völlig anderer Mensch sein. Vielleicht geht es vielmehr darum, wieder mehr der Mensch zu werden, der man bereits ist.

Für mich ist das eine wichtige Unterscheidung.

„Unperfekt und Unbezahlbar“ eignet sich deshalb besonders für Menschen, die spüren, dass der Druck, immer mehr leisten und aus sich herausholen zu müssen, langsam zu viel wird. Aber auch wer sich grundsätzlich mit Selbstwert, Selbstannahme, persönlicher Entwicklung und einem authentischen Leben beschäftigt, kann aus dem Buch viele Denkanstöße mitnehmen.

Mein Fazit

„Unperfekt und Unbezahlbar“ von Dyumata Mandy Diepold ist ein erfrischend anderer Ratgeber über Selbstoptimierung, Perfektionsdruck und die Suche nach einem authentischen Leben. Statt neue Anforderungen aufzustellen, nimmt das Buch den Druck heraus. Statt den Leser noch besser machen zu wollen, ermutigt es dazu, sich selbst mit mehr Ehrlichkeit und Wohlwollen zu begegnen.

Besonders gelungen finde ich die Verbindung aus persönlicher Erfahrung, Humor, Bewusstseinsarbeit und praktischen Denkanstößen. Das Buch bleibt dabei angenehm undogmatisch und stellt die entscheidende Frage: Was bleibt von mir übrig, wenn ich aufhöre, mich ständig danach zu beurteilen, wie gut ich funktioniere?

Für mich lautet die Antwort, die dieses Buch vermittelt: ziemlich viel.

Vielleicht sogar das Wichtigste.

Denn unser Wert beginnt nicht erst dort, wo wir perfekt sind. Wir sind nicht unbezahlbar, weil wir alles richtig machen. Wir sind unbezahlbar, weil wir wir selbst sind.

Ein warmherziger, ehrlicher und wohltuend unperfekter Ratgeber für alle, die genug vom inneren „Schneller, höher, weiter“ haben und stattdessen wieder echter, freier und selbstbestimmter leben möchten.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Goldegg Verlag GmbH
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 11. Mai 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 192 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3990605844
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3990605844
  • Abmessungen ‏ : ‎ 21.3 x 1.8 x 13.3 cm

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