/ August 11, 2026/ Buch

Es gibt Themen, bei denen man während des Lesens merkt, dass man seine bisherigen Vorstellungen erweitern muss. Genau dieses Gefühl hatte ich beim Begleitband zur Ausstellung „Wish you were queer“. Schon nach den ersten Seiten wurde mir bewusst, wie viele Lebensgeschichten, Erfahrungen und Schicksale Teil unserer Gesellschaft und unserer Geschichte sind, die dennoch lange kaum sichtbar waren. Das Buch hat mich deshalb nicht nur informiert, sondern mich immer wieder dazu gebracht, über den eigenen Blick auf Geschichte, Identität und gesellschaftliche Wahrnehmung nachzudenken.

Die Ausstellung „Wish you were queer“ im Museum im Prediger in Schwäbisch Gmünd beschäftigt sich mit der (Un-)Sichtbarkeit von LSBTI*-Lebenswelten in und um Schwäbisch Gmünd. Der dazu erschienene Begleitband vertieft diese Auseinandersetzung und nimmt die Wahrnehmung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern und intergeschlechtlichen Menschen über verschiedene Jahrhunderte hinweg in den Blick. Für mich liegt die besondere Stärke des Buches darin, dass es Queerness nicht als modernes Randthema behandelt, sondern zeigt, dass vielfältige Lebensweisen, Identitäten, Beziehungen und gesellschaftliche Konflikte schon immer Teil unserer Geschichte waren.

Beim Lesen musste ich mehrfach darüber nachdenken, wie sehr Geschichtsschreibung davon abhängt, wer gesehen, dokumentiert und erinnert wird. Was passiert mit Menschen, deren Leben nicht in die gesellschaftlichen Vorstellungen ihrer Zeit passte? Was bleibt von ihnen übrig, wenn Briefe verschwinden, Erinnerungen nicht weitergegeben werden und offizielle Dokumente sie nur aus der Perspektive von Behörden oder gesellschaftlichen Normen beschreiben? Genau hier setzt der Begleitband an. Er macht deutlich, dass Unsichtbarkeit nicht automatisch bedeutet, dass etwas oder jemand nicht existiert hat.

Besonders interessant empfand ich die unterschiedlichen historischen Beispiele. So beschäftigt sich Niklas Konzen mit einem Transgender-Schicksal in der schwäbischen Reichsstadt Nördlingen, während Arnd Kolb unter anderem Carl Schlegel vorstellt, der als Pionier der LGBTQ+-Bewegung betrachtet werden kann und dessen Verhaftung in Schwäbisch Gmünd eine eindrucksvolle Facette lokaler Geschichte darstellt. Auch die Geschichte zweier Gmünder Lehrer und ihrer Petition gegen den § 175 zeigt, dass gesellschaftlicher Wandel keineswegs plötzlich entstanden ist, sondern von Menschen vorbereitet und erkämpft wurde, die den Mut hatten, bestehende Verhältnisse infrage zu stellen.

Gerade diese regionale Perspektive hat mich angesprochen. Queere Geschichte wird hier nicht irgendwo weit entfernt verortet, sondern findet vor der eigenen Haustür statt. Schwäbisch Gmünd wird damit zu einem konkreten historischen Schauplatz. Das macht die Beiträge für mich besonders greifbar. Geschichte bekommt Gesichter, Orte und persönliche Schicksale.

Sehr nachdenklich gemacht hat mich auch der Beitrag über den „Kreis der Freunde“, ein schwules Netzwerk im Schwäbisch Gmünd der 1920er-Jahre. Allein die Vorstellung, dass sich Menschen bereits damals Räume und Netzwerke schaffen mussten, um Gemeinschaft und Zugehörigkeit zu erleben, lässt einen die gesellschaftlichen Bedingungen dieser Zeit mit anderen Augen betrachten. Gleichzeitig zeigen solche Beispiele, dass queere Menschen nie ausschließlich Opfer gesellschaftlicher Ausgrenzung waren. Sie waren aktiv, suchten Gemeinschaft, entwickelten eigene Strukturen und gestalteten ihre Lebenswelt.

Auch die Beiträge über die Homosexuelle Initiative Schwäbisch Gmünd (HIS) in den Jahren 1982 bis 1985, über lesbische Frauen, Homosexualität im Frauenfußball oder die queere Heilige Wilgefortis erweitern das Bild immer wieder um neue Perspektiven. Gerade diese Vielfalt macht den Band so interessant. Es gibt nicht die eine queere Geschichte. Es gibt zahlreiche Geschichten, Erfahrungen und Lebensentwürfe, die sich über Jahrhunderte hinweg miteinander verbinden und gleichzeitig sehr unterschiedlich sind.

Was mir beim Lesen besonders gefallen hat, ist die Verbindung von lokaler Geschichte, Kunst, Erinnerungskultur und gesellschaftlicher Entwicklung. Der Beitrag zur Un-Sichtbarkeit von LSBTI* in der Kunst zeigt beispielsweise, wie stark unsere Wahrnehmung davon geprägt wird, welche Menschen in Kunstwerken sichtbar sind und wie ihre Identität interpretiert wird. Dadurch stellt das Buch auch Fragen an die Gegenwart: Wen sehen wir? Wen übersehen wir? Und wie selbstverständlich sind unsere eigenen Vorstellungen von Identität eigentlich?

Der Begleitband ist deshalb für mich mehr als eine Dokumentation zu einer Ausstellung. Er ist ein Plädoyer für eine vielfältigere Erinnerungskultur. Er zeigt, dass Geschichte nicht nur aus den großen politischen Ereignissen besteht, sondern auch aus individuellen Biografien, persönlichen Entscheidungen, Freundschaften, Beziehungen, Widerstand und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben.

Dabei ist das Buch keineswegs nur für Menschen interessant, die sich bereits intensiv mit LGBTQ+-Geschichte beschäftigen. Gerade Leserinnen und Leser, die bisher wenig über die queere Geschichte Schwäbisch Gmünds und der Region wissen, können hier zahlreiche neue Anknüpfungspunkte finden. Die unterschiedlichen Autorinnen und Autoren bringen jeweils ihre eigenen fachlichen Perspektiven ein und machen deutlich, wie viel es noch zu entdecken gibt.

Nach der Lektüre bleibt bei mir vor allem ein Gedanke zurück: Sichtbarkeit ist niemals selbstverständlich. Sie entsteht dadurch, dass Menschen ihre Geschichten erzählen, dass andere zuhören und dass Erinnerungen bewahrt werden. Der Begleitband zu „Wish you were queer“ leistet genau dazu einen wichtigen Beitrag.

Für mich ist dieses Buch daher eine bemerkenswerte Ergänzung zur Ausstellung im Museum im Prediger in Schwäbisch Gmünd und zugleich eine eigenständige, lesenswerte Auseinandersetzung mit LSBTI*-Geschichte, LGBTQ+-Geschichte, queerer Erinnerungskultur und gesellschaftlicher Sichtbarkeit. Es öffnet den Blick für Menschen, deren Lebensgeschichten lange übersehen wurden – und erinnert gleichzeitig daran, dass eine Gesellschaft immer auch daran gemessen werden kann, wen sie sichtbar werden lässt und wessen Geschichte sie bewahrt.

Mein Fazit: Ein informativer, bewegender und historisch interessanter Begleitband, der lokale Geschichte aus einer ungewohnten Perspektive erzählt. Wer sich für queere Geschichte, LGBTQ+-Themen, Erinnerungskultur oder die Geschichte von Schwäbisch Gmünd interessiert, findet hier zahlreiche spannende Geschichten und Denkanstöße. Ein Buch, das nicht nur Wissen vermittelt, sondern dazu einlädt, die eigene Vorstellung von Geschichte und Sichtbarkeit zu hinterfragen.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Einhornverlag.de
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 2025
  • Auflage ‏ : ‎ Auflage – Neueauflage
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 268 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3-95747-187-1
  • Abmessungen ‏ : ‎ 23,8 x 16,4 cm
  • Gewicht: 0,702 kg
  • 25 Euro

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*
*